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Die Kunst im Chor zu weinen

Der Laden auf Dänisch

Die Genrebezeichnung "Roman" auf dem Umschlag ist zwar falsch, da es sich bei „Die Kunst im Chor zu weinen" um eine längere Erzählung handelt. Dafür ist aber die einsträngige Fabel des Textes so gut, dass sie stracks die Vorlage für einen zur Oscarprämierung eingereichten dänischen Film abgab. Und Jepsens Erzählweise, die wir bereits aus dem 2006 auf Deutsch erschienenen Buch „Dreck am Stecken" kennen, nimmt die Leser des 52-jährigen Dänen sofort gefangen. Sie kommt ohne Schnörkel daher, verzichtet auf modernistische Mätzchen, gibt Schilderungen und Dialoge, wo nötig, in behaglicher Breite. Langeweile hat hier Hausverbot, auch weil Jepsens Humor vor den dunklen Seiten des Lebens nicht halt macht.

In diesem Fall nimmt er die Perspektive eines Elfjährigen ein, der von seiner Familie in der südjütländischen Provinz gegen Ende der 1960er Jahre erzählt. Die Eltern betreiben dort ein Milchgeschäft, das sich der aufkommenden Konkurrenz der Supermärkte erwehren muss. Der Vater hat zwei Leidenschaften: Er redet gern auf Begräbnissen, versteht es dabei, ganze Trauergemeinden zum Weinen zu bringen – im Zweifelsfalle mit Hilfe seines trickreichen Sohnes, in jedem Fall zum Wohle des eigenen Ladens. Und er missbraucht – wovon die Mutter weiß – seine Tochter.

Es passiert wirklich viel auf diesen 267 Seiten. Die Oma der Familie verbrennt in ihrem Haus. Eine Tante stirbt unter seltsamen Umständen. Die Schwester des kleinen Erzählers wird in die psychiatrische Anstalt gesteckt, aber vom Bruder befreit und – zum Unwillen der Eltern – mit Hilfe von Moped-Rowdies wieder nach Hause gebracht.

In Jepsens Erzählung geht es um die verlogene Harmonie der Kleinbürgerwelt, die für den Elfjährigen aber die einzige Möglichkeit von Geborgenheit ist, die er kennt. Er möchte diese Welt nicht zerbrechen sehen. Deshalb biegt er die Dinge in seinem Kopf so hin, wie sein Gemüt es braucht.

Die Konstellationen in Jepsens Text erinnern an jene in Erwin Strittmatters (1912 bis 1994) dreibändigem Opus "Der Laden", dessen Handlung in einer Lausitzer Familie kleiner Händler spielt. Auch in der Art, Zeitkolorit wiederzugeben, ähneln sich Strittmatter und Jepsen – bei dem einen sind es die Veränderungen im Alltag und auch bei den Vergnügungen der "kleinen Leute" ab den 1920er Jahren, zum Beispiel wegen des aufkommenden Radios. Bei dem anderen ähnliche Wandlungen in den späten 1960er Jahren, so die Wirkung des in den Privathaushalt vorgedrungenen Fernsehens auf die familiäre Freizeitgestaltung. Brüder im Geiste sind beide Autoren, die offensichtlich ähnlichen Erlebniswelten entstammen, allemal, wobei die Abgründe, in die Jepsen seine Leser blicken lässt, die tieferen sind. Selbstverständlich kann Jepsens Text nicht den künstlerischen Rang von Strittmatters literarischem Großmosaik beanspruchen. Aber wer den einen mag, wird auch den andern lesen wollen.

Niels Wehning

Erling Jepsen
Die Kunst, im Chor zu weinen

Deutsch
von Ulrich Sonnenberg

Suhrkamp
Oktober 2008
267 Seiten
(Broschiert)

ISBN-13:
978-3518460306

12,90 Euro

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