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Katyn

Propagandistische Umdeutungsoffensive: Der polnische Film "Katyn"

Auf dem Berliner FilmPolska-Festival Ende April wird der Film "Katyn" zu sehen sein. Ein sehr persönlicher, sehr polnischer Film über ein verbotenes Wissen

Von beiden Seiten einer Brücke laufen Menschen aufeinander zu und rufen sich entgegen: „Die Russen sind hier“, kommt von der einen Seite – „Hinter uns sind die Deutschen“, ruft es von der anderen. Man fragt sich: Wo wollen bzw. können die hin?

Dies ist die Eröffnungsszene des neuesten Films von Andrzej Wajda, der mit "Katyn" nicht nur einen weiteren in einer Reihe von Filmen über Polens Geschichte und Schicksal gemacht hat, sondern damit auch noch ein eigenes, sehr persönliches Anliegen erfüllt hat. Katyn gehört zu den Schlüsselereignissen der polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert ...

Nach dem Eindringen der Sowjet-Armee auf polnisches Gebiet 1939 wurden Offiziere und Soldaten der polnischen Armee in Kriegsgefangenschaft genommen, die von April bis Mai 1940 in den Wäldern von Katyn hingerichtet und in Massengräbern begraben wurden. Die Zahl der Erschossenen belief sich auf etwa 25 000. Die wenigsten von ihnen waren Berufssoldaten, sondern 'normale' Polen, die im Großen und Ganzen die Elite des Landes ausmachten – unter ihnen war auch der Vater von Andrzej Wajda.

Die Gräber wurden 1943 von polnischen Zwangsarbeitern entdeckt und von den deutschen Nationalsozialisten (die mittlerweile ganz Polen besetzt hatten) in ihrer Propaganda gegen die Sowjetunion ausgeschlachtet. Nach Beendigung des Kriegs und der Machtübername einer von Moskau eingesetzten kommunistischen Regierung wurden die Kriegsverbrechen von Katyn zunächst in einer propagandistischen Umdeutungsoffensive den Nazis in die Schuhe geschoben und schließlich zu einem der größten Tabus in der polnischen Erinnerung. Viele wussten von der Lüge oder ahnten sie zumindest: Um Katyn hüllte sich in der Zeit nach 1945 das beredte Schweigen eines verbotenen Wissens.

Wajda hat mit dem Film auf die lange im Privaten verborgenen Notizen, Briefe und Erinnerungen der ermordeten Soldaten und ihrer Angehörigen zurückgegriffen und diese dann in exemplarischen Erzählungen individueller Schicksale in Szene gesetzt. Diese Einzelschicksale spinnen sich alle in kurzen Episoden um das Ereignis Katyn, wobei die Offiziere selbst und ihre Ermordung bis kurz vor Ende des Films nur in kurzen Szenen und als ahnungsbeladener Hintergrund der einzelnen Episoden erscheinen. Erzählt werden die Geschichten der Angehörigen, der Mütter, Frauen und Kinder der Soldaten, deren Schicksale aufgrund ihrer konzentrierten Kürze im Film fast wie Standbilder oder wie große klassische Gemälde wirken, in denen einzelne Punkte der Geschehnisse in das 'große Bild' des einer nationalen Opfergeschichte einfließen. 'Abgebildet' wird z. B. das Dilemma zwischen dem Anspruch zum Widerstand und einer realistischen Einschätzung der Möglichkeiten: Eine Witwe widersetzt sich nach der Entdeckung der Massengräber dem Druck, Teil der Nazi-Propagandamaschine zu werden und die Sowjetunion für ihre Verbrechen anzuklagen. Und muss dann nach 1945 erleben, dass die sowjetische Armee genau die gleichen Dokumentaraufnahmen, mit denen die Nazis sie zur 'Mitarbeit' überreden wollten, benutzen, um die Verbrechen von Katyn den Deutschen zuzuschreiben.

Vor allen Dingen aber ist es ein Film über die Trauer um den Verlust und ein Film über den Schmerz und die Zumutung mit einer Lüge leben zu müssen. Mindestens die Hälfte des Filmes spielt so nach Ende des Krieges, lange nach den Tötungen in Katyn. In den ausschnittartigen 'Standbildern' taucht so z. B. ein überlebender Kriegsgefangener – nun in der Uniform der Sowjetarmee – wieder auf, den seine Schuldgefühle gegenüber den Angehörigen seiner ermordeten Kameraden so ersticken, dass ihm angesichts der Lüge, die er ja buchstäblich am Leibe trägt, nichts bleibt als der Freitod. Es gibt den Auftritt einer polnischen Antigone, die für ihren ermordeten Bruder einen Grabstein aufstellen möchte und sich lieber von der Geheimpolizei festnehmen lässt, als sich den Nachkriegsverhältnissen zu beugen. Oder es kommt ein junger Widerstandskämpfer der Heimatarmee aus den polnischen Wäldern, der nach dem Krieg wieder an dem zivilen Leben teilhaben und sich für das Studium einschreiben will – auch sein Schicksal endet mit dem Tod, weil er sich nicht ohne Widerspruch mit den neuen Verhältnissen arrangieren kann.

Wajda hat während der Pressekonferenz zur Präsentation des Filmes auf der diesjährigen Berlinale betont, dass er keinen politischen Film machen wollte. Dies mag zwar angesichts des Themas etwas merkwürdig erscheinen, lässt sich aber doch nachvollziehen. Denn in den einzelnen Episoden steht die emotionale Bearbeitung der Schicksale im Vordergrund, weniger eine generelle politische Einordnung und Bewertung - diese findet aber auch, indirekt statt. Dies allerdings, ebenso wie die Ausschnittartigkeit der Episoden, macht den Film für ein Publikum, das nur über geringe Kenntnisse der polnischen Geschichte verfügt, schwer verstehbar. Zeit- und Ortswechsel zwischen den Szenen finden relativ unvermittelt statt und sind eigentlich nur erkennbar, wenn man die entsprechenden Symbole und 'Zeichen der Zeit' erkennt. Es gibt nur wenige Figuren, die dem Film Halt geben und die Chronologie tragen könnten. Stattdessen tauchen viele Gesichter nur kurz auf und verschwinden ebenso schnell wieder, so dass der Zuschauer kaum Gelegenheit hat, zu erkunden, mit wem er/sie es jetzt gerade zu tun hat oder was da jetzt eigentlich gerade passiert.

Wajda geht es mit "Katyn" um Trauer. Er hat einen ausdrücklich polnischen Film für ein polnisches Publikum gemacht. Der Film erlaubt es den zurückgebliebenen Angehörigen, Abschied zu nehmen – einen Abschied, der ihnen über 40 Jahre verweigert worden war. Und der Film gibt der schmerzhaften Verleugnung der wahren Zusammenhänge Bilder, die Wajda wohl auch für die nachfolgenden Generationen festhalten wollte.

Diese Bilder kommen mit Wucht erst am Ende des Films. Während der längsten Zeit des Films ist Katyn zwar präsent, aber nur als eine Art Schleier, der sich über die Szenen legt: als Hoffen, als Verzweiflung, als Trauer, als Ausdruck von Widerstand und Stolz usw. Erst in der letzten halben Stunde wird dieser Schleier gelüftet. Wajda zeigt die Maschinerie der brutalen Erschießungen detailliert und gnadenlos, völlig entblößt von jeglicher moralischen Ansprache. Die Szene endet abrupt: Im letzten 'Bild' des Films sprechen dann die Töne von Pendereckis Requiem – vor schwarzer Leinwand.

Valeska Henze

Katyn
Polen 2007
118 Minuten

Regie:
Andrzej Wajda

Drehbuch:
Andrzej Wajda,
Wladyslaw Pasikowski,
P. Nowakowski

Musik:
Krzysztof Penderecki

Kamera: Pawel Edelma

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