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Herbert Wehner. Biographie

Zäsur in Schweden Eine neue Biographie behandelt das Leben des Herbert Wehner in seiner vollen Spanne

In der Geschichte der Bundesrepublik gibt es zwei miteinender verbundene Politiker von herausgehobener Bedeutung, die besondere Prägungen in Skandinavien erfahren haben. Der eine, Willy Brandt (1913 bis 1993), hatte seine Jugend im norwegischen Exil verlebt und brachte es bis auf den Stuhl des Bundeskanzlers. Der andere, Herbert Wehner (1906 bis 1990), war 1942 in Schweden als Emissär der KPD verhaftet worden, wurde von der kommunistischen Bewegung verstoßen und wandte sich von ihr zugleich ab, um schließlich im Nachkriegswestdeutschland nicht nur einen Platz in der SPD zu finden, sondern ihr führungsstärkster Politiker zu werden. Seine politische Karriere beendete er erst in fortgeschrittenem Alter nach vielen Jahren auf dem Posten als Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Über Wehner als der insgesamt interessanteren Figur des ungleichen Gespanns hat der Historiker Christoph Meyer, der das Herbert-Wehner-Bildungswerk in Dresden leitet, jetzt die erste wisens chaftliche Biographie vorgelegt, die das Leben des knorzigen Manns mit der unvermeidlichen Pfeife in seiner vollen Spanne beschreibt.An dieser Stelle soll vor allem Wehners Schweden-Intermezzo interessieren, das insofern keines blieb, als er aus gewachsener Liebe zu diesem Land ein Sommerhaus auf Öland erwarb, das da ihm und seiner Familie zum liebsten Platz werden sollte. Dabei waren die Erfahrungen seiner ersten schwedischen Jahre bitter. Aus Moskau in das Land entsandt, um die Arbeit der KPD-Abschnittsleitung Nord zu überprüfen und von dort aus dem kommunistischen Widerstandskampf in Deutschland neues Leben einzuhauchen, mußte er sich nach seiner Verhaftung in zwei Prozessen des Vorwurfs erwehren, ein Spion zu sein, mußte er die Entbehrungen des Eingesperrtseins in der Zelle und in einem Internierungslager ertragen. Bis zur Kriegswende von Stalingrad nämlich hatten antifaschistische deutsche Emigranten in Schweden einen schweren Stand. Die schwedische Polizei arbeitete sogar mit Hitlers Gestapo zusammen. Über Wehner schwebte so eine zeitlang das Damoklesschwert der Auslieferung nach Deutschland, die für das bei den Nazis verhaßte Mitglied des KPD-Politbüros tödliche Folgen gehabt hätte.

Wie schon Hartmut Soell in seinem verdienstvollen Buch "Der junge Wehner" weist auch Meyer anhand der zum Teil erst seit den 90er Jahren greifbaren Tatsachen alle über die Jahrzehnte in Umlauf gesetzten Vorwürfe und Spekulationen zurück, Wehner habe in Schweden Verrat an der kommunistischen Bewegung, der er sich ja bis zur Selbstaufgabe verbunden fühlte, begangen. Vielmehr war es so, daß Wehners Sträuben, mit der Polizei zu kooperieren, ihm härtere Behandlung und schärfere staatsanwaltliche Verfolgung eintrug. Erst nach Wochen gab er die Adresse seiner illegalen Wohnung preis, in der Hoffnung, seine KPD-Mitkämpfer hätten wichtige Unterlagen beiseite geschafft. Doch hier versagte sogar der professionelle Konspirateur Richard Stahlmann (vulgo Artur Illner), der zusammen mit Wehner nach Schweden entsandt worden war und der später die graue Eminenz der DDR-Auslandsspionage werden sollte. Dennoch war es der aus Erfahrung tatsächlich eigensinnige Wehner, der in Moskau angeschwärzt und mit dem Etikett des Renegaten versehen wurde.

Für Wehner, der erst im Juli 1944 das Internierungslager verlassen durfte, wurden die schwedischen Jahre zu einem tiefen Einschnitt. Dieser durch und durch politische Mensch war in seinen jungen Jahren Anarchist gewesen, hatte dann seinen Platz bei den Kommunisten gefunden. Nun stand er vor einem großen Fragezeichen. Die Antwort gab Wehner, der nach 1945 nicht in die Sowjetische Besatzungszone und so auch nicht in seine geliebte Heimatstadt Dresden durfte, mit seinem Beitritt zur westdeutschen Sozialdemokratie. In dieser Partei schuf er sich die Wirkungsmöglichkeiten, die er wie die Luft zum Atmen brauchte. Meyers Buch zeichnet das nach und macht deutlich, daß einer Figur wie Herbert Wehner die Politik nicht Selbstzweck gewesen ist, er sozialdemokratische Reformpolitik nicht anders begreifen konnte und wollte als gerichtet auf das Wohl der "kleinen Leute". Hierin mag ihn auch die seinerzeitige Anschauung in Schweden bestärkt haben.

Zeitgeschichtlich Interessierten sei das durchaus parteiisch geschriebene Buch von Christoph Meyer über einen Mann empfohlen, der schon anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod zu den großen Unbekannten in Deutschland gehört.

Hannes Winterstein

Christoph Meyer
Herbert Wehner. Biographie

579 Seiten
16 Euro
dtv

ISBN-13 978-3-423-24551-1

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