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Edvard Grieg

Galleonsfigur norwegischer Nationalkunst. Über den Komponisten Edvard Grieg

Europa blickt gen Osten. Spätestens im Rahmen der EU-Erweiterung richtete sich in den letzten Jahren der Fokus der kultur- und musikgeschichtlichen Forschung verstärkt auf Polen, Tschechien, Ungarn oder auch Russland. Gleichzeitig verkümmerte die Beschäftigung mit dem Norden, seiner Musik und seinen traditionellen Verbindungen zu Mitteleuropa bzw. Deutschland nach und nach zu einer Marginalie. Alles zu vertraut? Alles schon entdeckt? Immerhin dauerte es auch in den neuen Folgen der Musik-Konzepte-Reihe bis zur Nr. 127, ehe mit Edvard Grieg dem ersten Skandinavier ein Band gewidmet wurde. Gerade diese Ausgabe aber beweist: Es gibt im Norden noch Einiges zu entdecken. Vielmehr: Es gilt, ungewöhnliche Perspektive einzunehmen, mit Klischees aufzuräumen und vieles neu auszuloten. Vielleicht ein zaghafter Wink auf eine bevorstehende Renaissance des Nordens – immerhin stehen auch 2007 in Skandinavien mit Griegs 100. Todestag, Niels W. Gades 190. Geburtstag oder der 100jährigen Anerkennung der politischen Souveränität Norwegens durch die europäischen Großmächte einige skandinavische Jubiläen bevor.

Mit dem Erscheinungsjahr 2005 des Grieg-Bandes gedenkt man auch, wie Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort unterstreicht, der 100jährigen Unabhängigkeit Norwegens von Schweden. Da erscheint es als Muss, mit Edvard Grieg eine der Galleonsfiguren norwegischer Nationalkunst vorn anzustellen. Dies entpuppt sich nur auf den ersten Blick als korrekt. Schon die späte Portraitzeichnung Griegs von Erik Werenskiold aus dem Jahr 1902, die den Umschlag ziert, lässt Interpretationsspielraum. Zu sehen ist Grieg als Wanderer, in verschwommen, karger Landschaft sitzend, den Blick fest in die Ferne gerichtet. Bereits die gelungene Wahl dieses Bildes bietet eine der Brücken zum Inhalt des Bandes. Grieg ist nicht nur in der norwegischen Landschaft und Volkstradition existent. Aus ihr entspringt er zwar, begnügt sich aber keineswegs damit. Vielmehr richtete er sein Interesse und seine Neugier auch über die Grenzen seines Landes hinaus. Er ließ gerne Fremdes auf sich wirken, wie auch er über Skandinavien hinaus Einfluss auf das internationale Musikleben nahm.

Edvard Grieg – norwegischer Nationalkomponist. Diese Lesart durchzieht beinahe als Stereotype die Grieg-Rezeption wie auch die frühe Forschung. Vom „Nationalkomponisten“ oder sogar „Heimatkünstler“ war hier bisweilen abwertend die Rede. Für eine Bestands- und Beweisaufnahme dieser These müssen immer wieder die gängigen Werke herhalten: Peer Gynt, das Klavierkonzert a-Moll, die Violinsonaten und natürlich das lyrische Klavierwerk. Kaum beachtet bzw. ignoriert wurde jedoch eine zweite, „europäischere“ Dimension in Griegs Œvre. In der vorliegenden Publikation machen sich nun sieben der renommiertesten Forscher der nordischen und norwegischen Musikgeschichte zu neuen Begegnungen mit dem Norweger auf. Mit Ekkehard Kreft und Patrick Dinslage sind dabei gleich zwei Persönlichkeiten vertreten, die sich um das weltweit einzige Grieg-Forschungsinstitut verdient gemacht haben. Nachdem die 1995 von Kreft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gegründete Edvard-Grieg-Forschungsstelle 2004 geschlossen werden musste, konnte sie im Januar 2006 – an Mozarts Geburtstag – an der Universität der Künste Berlin unter ihrem neuen Leiter Patrick Dinslage wiedereröffnet werden.

Die Aufsätze gruppieren sich um zwei Themenkomplexe, die den bis dato nicht oder selten gestellten Fragen der Grieg-Forschung gewidmet sind. Dazu gehören rezeptions- wie auch kompositionsgeschichtliche Aspekte zu musikdramatischen und bisher wenig diskutierten kammermusikalischen Werken.

Heinrich W. Schwab macht den Auftakt und setzt gleich neue Maßstäbe an das Grieg-Bild. Nicht „Grieg, der Norweger“, sondern „Grieg, der Europäer“ lautet hier der Tenor. Der kritischen „Norwegerei“-Perspektive (S. 12) auf Grieg in den Musikhauptstädten Leipzig, Wien und Berlin setzt Schwab die Verehrung in Paris entgegen. Trotz des unüberhörbaren Einflusses, den Grieg auch auf den jungen Debussy nahm, war die französische Schwärmerei nicht ganz uneigennützig, sondern „als gezieltes Gegenbild zu der zeitgenössischen russischen und deutschen Musik instrumentalisiert“ (S. 16). In einer enormen Verdichtung beleuchtet Schwab schließlich die Entwicklungen in der Grieg-Forschung seit 1993 – jenem Jahr, in dem ausgerechnet in Paris mit einer Konferenz anlässlich des 150. Geburtstags des Norwegers der „kosmopolitische“ Grieg (S. 18) heraufbeschworen wurde. Die hier aufgeworfenen Fragen und Anregungen zur „Europäer“-Theorie dürften reichen, um die Grieg-Forschung für die nächsten Jahre zu beschäftigen.

Harald Herresthal und Finn Benestad greifen Schwabs Fäden auf. Herresthal zeichnet die Internationalität der Grieg-Rezeption exemplarisch an Frankreich nach und knüpft dort an, wo Schwab den Franzosen eine Instrumentalisierung Griegs im Hinblick auf den deutschen Erzfeind vorwirft. Herresthal stellt Grieg zwar als Modell für die Entwicklung einer nationalen Kompositionsweise heraus, nach dessen Vorbild man eine französische Schule aufbauen wollte (S. 29). Deutlich wird aber auch jene Kritik, die Grieg vor allem um die Jahrhundertwende von Seiten französischer Presse und Komponisten entgegenschlug. Gerade durch diesen erfolgten Stimmungsumschwung gelingt es Herresthal eindrucksvoll, die positive wie negative Rezeption Griegs und die durch sein „Exotisches“ (S. 42) gegebene Bedeutung für die französische Musikgeschichte zu unterstreichen.

Benestad wirft ein Schlaglicht gegen die internationale Perspektive auf, indem er Grieg auf seine Wurzeln in der norwegischen Volksmusik zurückführt. Im Einzelnen geht er der Transformation von folkloristischen Elementen in ein kammermusikalisches oder symphonisches Gewand nach. Besonders wertvoll ist der durchgängig erfolgende Hinweis auf Griegs Entnahmen von Vorlagen aus einer der Hauptquellen der norwegischen Musik. Ludvig Mathias Lindemans Volksliedsammlung Ældre og nyere norske Fjelmelodier (1853-1867) müsste als bedeutende Grundlage für die norwegische Kunstmusik im 19. und 20. Jahrhundert in ihrer Ausstrahlung noch tiefgehender untersucht werden.

Patrick Dinslage widmet sich einem Thema, das in der Grieg-Forschung durchgängig starke Kontroversen verursacht. Die Einschätzung der Studienjahre am Leipziger Konservatorium für Griegs weiteren Werdegang sowie die Interpretation der wechselhaften Äußerungen des Norwegers über Leipzig bieten bis heute Diskussionsstoff. Dinslage begegnet der These von der „nutzlosen“ Leipziger Zeit mit konkreten Fakten und räumt mit der allgemein verbreiteten Einschätzung auf, Grieg habe, nach eigener voreiliger Offenbarung, am Leipziger Konservatorium „nichts gelernt“. Dies unternimmt Dinslage anhand eines Vergleichs der 23 Kleinen Klavierstücke, frühestes Dokument Griegscher Kompositionsweise, mit Leipziger Studienarbeiten bis hin zu den Vier Klavierstücken op. 1. Die kompositorische Distanz zwischen den frühen Stücken bis zur ersten Veröffentlichung wird mit frappierender Eindringlichkeit enthüllt und klar widerlegt, dass das „vermaledeite Leipziger Conservatorium“ (Zitat Grieg, S. 64) sehr wohl unübersehbare Spuren hinterlassen hat. Um das Griegsche Schaffen in Leipzig noch dezidierter bestimmen zu können, weist Dinslage zurecht daraufhin, dass die bisher verschwindend geringe Beschäftigung mit Griegs Vokalwerk (in Leipzig entstanden mehrere Klavierlieder) auch hier Abhilfe schaffen könne. Zur Konservatoriums-Debatte sei abschließend die Anmerkung erlaubt, dass Griegs Aufwallen nicht uneingeschränkt subjektiven Ursprungs sind. An seinem Beispiel lassen sich vielmehr patriotische Notwendigkeiten erkennen, die vielen Bildungsreisenden auferlegt wurden. Eine Ausbildung in Deutschland konnte zwar handwerklich nützen, bekannte man sich jedoch zu ihrer Qualität, war man – und nicht nur in Norwegen – national erledigt (S. 48). Dementsprechend zeigten sich vorrangig in Skandinavien gegen Ende des 19. Jahrhunderts regelrechte „Moden“, fast schon manieristisch, das Leipziger Musikleben zu kritisieren und zu verurteilen. Auch Griegs dänischer Freund und Leipziger Studienkollege, Christian Frederik Emil Horneman, schimpfte 1895 in einem Brief an den Norweger über Leipzig, das „Schweineloch“ („Svinehul“). [1]

Joachim Dorfmüller stellt wie Benestad noch einmal die Bedeutung des Nordischen Tons, der norwegischen Volksmusik und den kaum zu überschätzenden Einfluss der Lindeman-Sammlung für Griegs Schaffen heraus. Dies zeigt er eindrucksvoll anhand der über 35 Jahre dauernden Entwicklung innerhalb der insgesamt 66 Lyrischen Stücke für Klavier aus den 1860er Jahren bis zur Jahrhundertwende auf. Vor allem gilt es hier, neben zahlreichen bisher in der Literatur nicht besprochenen Werken, Griegs organischen Wandel von der von Mendelssohn und Schumann beeinflussten Romantik bis zum Impressionismus zu ergründen.

Der Musik-Dramatiker Grieg trat bisher kaum in den Mittelpunkt der Forschung, zu sehr stand diese im Schatten des Klavierlyrikers. Ekkehard Kreft nähert sich dem unbekannten Dramatiker mit einer hochexplosiven Neuinterpretation des als allgemein „abgegrast“ geltenden dramatischen Hauptwerks, die Schauspielmusik zu Henrik Ibsens Peer Gynt op. 23. Harmonik, Dynamik, Tempo und Intervallbildung untersucht Kreft im Einzelnen auf ihre Funktionen im Gynt-Epos. Das weit voraus weisende Fazit stellt Grieg in ein neues Licht, das ihn als ein Mehr ausweist als er neben der vertrauten „Lyrikerpersönlichkeit der ausgehenden Spätromantik“ (S. 115) darstellt. Wie Krefts Ausführungen zu Grieg in seiner Rolle als Musikdramatiker erahnen lassen, steckt hinter dem Norweger ein weitaus größeres, facettenreicheres Komponistenpotential als bisher durch das Visier der Klavier- und Nationalmusik-Forschung zu sehen war.

Axel Bruch beschließt die Grieg-Entdeckungsreise mit dessen Duosonaten. Dankenswerterweise stellt er – als Einziger – seinen Ausführungen eine kurze Abhandlung der kulturpolitischen Voraussetzungen in Norwegen vorweg. Ohne den „Prozess der nationalen Selbstfindung“ (S. 118) – oder wenn man so will Identitätsbildungs- und Emanzipationsprozess vom mitteleuropäischen Einfluss – bleibt vieles in der Musikgeschichte Skandinaviens unverständlich. Anhand der Violinsonaten stellt Bruch neue Fragen an die Grieg-Rezeption. Der Norweger geriet mit seinem Werk zwischen die Fronten. Während sich die deutsche Kritik auf die fehlende motivisch-thematische Arbeit oder auch – nach dem Vorbild Schumanns – auf die unterstellte Beschränktheit aller Nationalmusik stürzte, wurden gerade von norwegischer Seite nationale Elemente gefordert (ein sehr ähnliches Schicksal erfuhr auch Griegs Mentor Niels W. Gade in der deutschen und dänischen Kritik). Axel Bruch begegnet solchen Grenzgängen geschickt mit der Frage nach den ästhetischen, möglicherweise auch regional bzw. national beeinflussten Grundlagen musikalischer Analyse und Werkeinordnung.

Während sich der Textteil des Konzepte-Bandes als homogenes Bild präsentiert, was auch dem relativ gleichmäßigen Umfang der Aufsätze zu verdanken ist, so zeigt sich die Umrahmung des Inhalts als wenig harmonisch. Erscheint es fast schelmisch, im Vorwort nur sechs Aufsätze zu nennen und dann sieben zu präsentieren, so klingt auch der Schluss mit seinen wenig begeisternden Beigaben pantone-blass aus. Als „Anhang“ (S. 145) ist dem Band eine etwas zu schlank geratene Zeittafel zur Griegschen Biographie beigegeben. Bedauerlicherweise reduziert sich die Auswahl der Daten zusätzlich auch noch, anders als der formulierte Anspruch der inhaltlichen Außergewöhnlichkeit, auf die Spitzlichter in Vita und Werk des Norwegers und steht in keinem Zusammenhang mit den in den Aufsätzen diskutierten Kompositionen und Stationen. Ebenso lassen die lieblos recherchierten „Bibliografischen Hinweise“ (S. 144) zu wünschen übrig. Neben den Artikeln in den als bekannt vorauszusetzenden Lexika Die Musik in Geschichte und Gegenwart und The new Grove wird lediglich eine einzelne, wenn auch zentrale Monographie genannt. Neben Benestads und Schjelderup-Ebbes [2] zweifelsohne verdienstvollem Standardwerk hätten sicherlich noch einige pointierte Einzelstudien der jeweiligen Autoren des Bandes, wie auch die Arbeiten von Hella Brock [3], Joachim Reisaus [4] oder die eine oder andere der zahlreichen deutschen Briefausgaben [5] sowie der Hinweis auf die Tagungsbände der neuesten Grieg-Kongresse Erwähnung finden müssen. Hier hätte man dem Leser mehr bieten können, zumal die restlichen 30 % Leere der Seite beinahe dazu auffordern.

Dafür überstrahlt jedoch die Gesamtkomposition der Aufsätze die genannten Defizite. Musik-Konzepte Nr. 127 lädt mit Edvard Grieg auf eine neue, äußerst empfehlenswerte Stippvisite nach Skandinavien ein. Der mitteleuropäische Reisende wird mit einem Weitwinkel-Objektiv ausgerüstet, mit dem er einen zwar nordischen, zusätzlich aber auch als „Europäer“ einzuordnenden Komponisten erspähen kann.

[1] Vgl. Yvonne Wasserloos: Kulturgezeiten. Niels W. Gade und C.F.E. Horneman in Leipzig und Kopenhagen. Hildesheim, Zürich und New York 2004, S. 315. [nach oben]

[2] Finn Benestad/Dag Schjelderup-Ebbe: Edvard Grieg. Mensch und Künstler. (Aus d. Norweg. v. Tove u. Holm Fleischer). Leipzig 1993. [nach oben]

[3] Hella Brock: Edvard Grieg. Leipzig 1990; dies.: Edvard Grieg als Musikschriftsteller. Altenmedingen 1999. [nach oben]

[4] Joachim Reisaus: Grieg und das Leipziger Konservatorium. Untersuchungen zur Persönlichkeit des norwegischen Komponisten Edvard Grieg unter besonderer Berücksichtigung seiner Leipziger Studienjahre. (Zugl. Diss., Leipzig 1988) Leipzig 2002. [nach oben]

[5] Klaus Henning Oelmann (Hg.): Edvard Griegs Briefwechsel. Bd. 2: Der Briefwechsel mit dem Hause Breitkopf & Härtel, die Briefe von Frederick Delius an Nina und Edvard Grieg und andere ausgewählte Schreiben. Egelsbach, Frankfurt u.a. 1996 (= Deutsche Hochschulschriften 1123); Finn Benestad/Hella Brock: Edvard Grieg. Briefwechsel mit dem Musikverlag C.F. Peters 1863-1907. Frankfurt/M., Leipzig u.a. 1997. [nach oben]

Yvonne Wasserloos

Edvard Grieg

Erschienen in der Reihe:

Musik-Konzepte – „Neue Folge“ Nr. 127

edition text + kritik Richard Boorberg Verlag München, Januar 2005 147 S. zahlr. Notenbsp. Zeittafel Euro 18,-/sfr 31, 90 ISBN: 3-88377-783-

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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