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Tove Jansson Rediscovered

Die Mumin-Erfinderin Tove Jansson – von der Wissenschaft wiederentdeckt

„Frohe Weihnachten“, flüsterte das Knütt schüchtern. „Du bist wirklich der Erste, der sagt, Weihnachten sei froh“, bemerkte Muminvater. „Hast Du denn gar keine Angst vor dem, was passiert, wenn Weihnachten kommt?“("Geschichten aus dem Mumintal": Der Tannenbaum)

„Tove Jansson Rediscovered“ („Tove Jansson wiederentdeckt“) ist der Titel einer englischsprachigen Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze, die Kate McLoughlin and Malin Lidström Brock herausgegeben haben. Wiederentdeckt? War Tove Jansson (1914–2001) jemals verschwunden? Diese Frage sei erlaubt, angesichts des weltweiten Erfolgs, den ihre Bücher, insbesondere die Mumin-Geschichten, seit Jahrzehnten genießen.

Ob in Nordamerika, Europa oder Japan – die finnlandschwedische Autorin ist Dank ihrer Illustrationen zu Büchern wie Alice im Wunderland, ihrer Bücher für Kinder und Erwachsene und vor allem Dank ihrer Mumin-Bücher und Comic-Strips international bekannt. Ihre Bücher wurden in 38 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft, die Comic-Strips wurden ausgehend von der Erstveröffentlichung in den Evening News 1954 in über hundert Zeitungen in vierzig Ländern publiziert. Gerade sie erleben derzeit eine Art Renaissance: Seit 2006 wurden sie in Kanada und nun auch in Schweden und Deutschland gesammelt in Buchform herausgebracht.

Bei diesem weltweiten Erfolg verwundert es nicht, dass Tove Jansson und ihr Werk als bildende Künstlerin und Schriftstellerin zum Gegenstand internationaler Literaturforschung wurden. Der Band „Tove Jansson Rediscovered“ ist ein schönes Beispiel hierfür. Wissenschaftlerinnen aus Schweden, Finnland, Australien, Japan, Nordamerika und Großbritannien haben verschiedene Aspekte von Tove Janssons breitgefächertem Gesamtwerk untersucht. In 19 Kapiteln werden ihre Novellen, Kurzgeschichten, Erinnerungen, Bilder, Bilderbücher und Cartoons erforscht. Auch wenn hier ihr Gesamtwerk behandelt wird, konzentrieren sich die meisten Textbeispiele und Untersuchungen doch auf ihr bekanntestes Werk, auf die Mumin-Geschichten. Das Besondere an ihnen ist, dass sie – ähnlich wie Märchen – sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen.

Zu den Themen des Buchs von McLoughlin und Lidström Brock gehören die künstlerische und persönliche Identität Tove Janssons, Gender und Sexualität oder Kindheit, Familie und Alter in ihren Arbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Betrachtung ihres Gesamtwerkes vor dem Hintergrund ihrer Herkunft aus dem schwedischsprachigen Teil Finnlands, ihrer Homosexualität und ihres Lebens als Inselbewohnerin in der finnischen Schärenwelt – Eigenschaften, die prägend für ihre Arbeiten waren. Die finnische Natur und die finnischen Mythen stellten ebenfalls eine Quelle der Inspiration dar. Janssons finnlandschwedische Herkunft zeigt sich auch in ihrer Sprache und ihrer Diktion – das finnlandschwedische Schwedisch unterscheidet sich in einigen Zügen von dem sogenannten „Reichsschwedisch“. Die Intertextualität in Tove Janssons Schriften ist Thema gleich mehrerer Aufsätze, u. a. in dem Vergleich des Mumin-Buchs „Komet im Mumintal“ mit dem finnisch-russischen Winterkrieg.

Besonders für deutsche Leser interessant ist der Aufsatz von Mareike Jendis über die Rezeption der Mumins in den deutschsprachigen Ländern. Sie untersucht die verschiedenen Übersetzungen, die Marketingstrategien und Besprechungen der Bücher. Den Status als Klassiker und als gehobene, komplexe Literatur für alle Altersklassen hatten die Mumin-Geschichten nicht immer. Der Grund hierfür ist primär in der umfassenden, in sich geschlossen imaginären Welt der Mumins zu finden, die der deutschen Literaturtradition fremd war und dementsprechend die Akzeptanz der Geschichten erschwerte. Gleiches galt für Nonsens-Elemente wie die Fremdwörter in „Trollkarlens hatt“ (deutsch „Eine drollige Gesellschaft“), die wie kleine Tiere aus dem Hut des Zauberers klettern. Zudem gab es eine strikte Trennung zwischen der Literatur für Erwachsene und derjenigen für Kinder, die kennzeichnend für die Nachkriegszeit war. Die Mumins galten lange Zeit als reine Kinderliteratur und wurden dementsprechend vermarktet, d. h. manche Übersetzungen wurden in diesem Sinne geändert („verniedlicht“). Gleiches gilt für die Illustrationen und die Cover der Bücher. Die Neuübersetzungen der Mumin-Geschichten von Birgitta Kicherer, die seit 2000 im Arena Verlag erschienen sind, markieren auch eine Veränderung der Auffassung von Kindheit.

Die Vielfalt und die Bandbreite der Beiträge sind es, die das Buch auszeichnen und es lesenswert machen. Alle zusammen spiegeln kritisch die Kreativität und das große Oeuvre der Autorin und Künstlerin Tove Jansson.

Inken Dose

Kate McLoughlin und Malin Lidström Brock (Hg.)
Tove Jansson Rediscovered
Newcastle: Cambridge Scholars Publishing, 2007,
249 S., 39.99 £
ISBN 978-1847182692

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Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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