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Dreckskerl

Wojciech Kuczoks Buch "Dreckskerl" auf Deutsch erschienen

Das Haus ist der Stolz der Familie K. Es ist groß und schön und setzt sich von den erbärmlichen Behausungen in der Nachbarschaft der (nicht näher benannten) schlesischen Kleinstadt ab. Man ist schließlich wer! Allerlei sympathisch-skurrile Familienmitglieder bevölkern die Szenerie, bis der Krieg ausbricht. Ausgerechnet der Bruder vom Vater des alten K., der sensible, introvertierte Künstler, kommt um.

Auf den ersten Blick erscheint Kuczoks Roman als ein sorgfältig ausgearbeitetes Familienbild. Das legt der Eingangsteil des Romans nahe, eine Rekonstruktion der Familienumstände, die der eigentlichen Handlung vorausgehen. Der Autor, der erst auf Seite 49 als Ich-Erzähler die Bühne betritt, beschreibt sein Elternhaus als Nest und Schutzwall, um den schwer greifbaren Moment aufzuzeigen, in dem diese Bastion gegen die Verwirrungen und Grausamkeiten der Welt ins Wanken gerät, das Haus gleichsam alles Gift in seinem Mauern aufsaugt, bis es zu einem grausamen Gefängnis wird und schließlich spektakulär in sich zusammenfällt.

Nach dem Krieg hält der Krieg in das Haus Einzug, denn die Menschen vergessen, "daß die Fülle der Greuel eine noch größere Fülle von Greueln nach sich ziehen, daß der Krieg unablässig weitergehen würde in den vergifteten Seelen und das Lebensziel dieser vergifteten Seelen die Ausweitung des Krieges auf alle, das Vergiften aller ist." Mit dem rachsüchtigen Bemühen des alten K., es der nachfolgenden Generation nicht einfacher zu machen, beginnt das Martyrium des Roman-Ich's. Die Mittel der Disziplinierung sind sowohl physische Gewalt als auch das Wort. Der alte K. verfügt über ein reichhaltiges Arsenal an Sprichwörtern und Lebensweisheiten, mit denen er seinen Sohn terrorisiert, einzig mit dem Ziel, seine Überlegenheit zu zementieren. Aber da ist noch etwas, das Kuczok erstaunt zur Kenntnis nimmt, besonders als sein Held zwecks "Entschwächlichung" zur Kur geschickt wird; nämlich Sehnsucht, Liebe und gegenseitiges Verlangen.

Kuczoks Darstellungen einer Familiengeschichte ähneln bestimmt einem Ritt durch die Hölle, wobei bezweifelt werden darf, ob sie authenthisch, gar autobiographisch sind. Dafür sind sie zu literarisch. Dennoch ist es keine düstere Lektüre, die den Leser deprimiert zurückläßt. Dank ausgezeichneter spöttischer Personenbeschreibungen und ironischer Verallgemeinerungen bereitet das Buch großes Vergnügen. Der Autor hinterfragt auf ungemein intelligente Weise den Mythos der Familie, der Ehe, der Kirche. Auffällig ist die Namenlosigkeit der Personen. Einzig der alte K. (Reminiszenz an Kafka?) erhält abgekürzte Personalität. Ansonsten gibt es nur Sohn und Mutter, den Bruder des alten K., "der alte Hagestolz" und die Schwester des alten K., "die alte Jungfer".

Sprachlich ist Kuczok eine Entdeckung! Er ist stilsicher, hat Sinn für präzise Kompositionen, das Talent und die Fähigkeit zum großen Erzähler. Für diesen Roman erhielt er die höchste literarische Auszeichnung in Polen, den NIKE-Preis (der nichts mit einem Sportartikelhersteller zu tun hat).

Ärgerlich ist die Neigung deutscher Verlage, Originaltitel zu ändern. Der deutsche Titel "Dreckskerl" trifft nicht ansatzweise. Das polnische "Gnój" (= Jauche) wird dem Buch wesentlich gerechter. Außerdem sollte man den Autoren zugestehen, daß sie sich bei der Wahl ihrer Titel etwas denken!

 

Wojciech Kuczok
Dreckskerl
erschienen bei Suhrkamp
174 Seiten
ISBN 978-3-518-41884-0
19,80 EUR

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