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Blomsterbørnene. Noveller

Über das private Glücksempfinden „gewöhnlicher“ deutscher Nazis.

Der Untertitel Noveller verwundert etwas: Nach deutschem literarischem Verständnis enthält der Band Kurzgeschichten, darunter einige sehr kurze. Keine einzige erfüllt den Begriff der Novelle. In der dänischen Literatur ist diese Erzählform allerdings nicht so klar gefasst. Die Grenzen zu den sog. fortællinger (Erzählungen), die im Wesentlichen alles umfassen, was sich als kürzere Erzählung mit einer chronologischen Entwicklung beschreiben lässt, sind fließend. Kurzgeschichten gibt es nicht. Neu im Sinne von lateinisch novum (neu) und gleichwohl auch sehr alt ist allerdings die Perspektive, aus der die Autorin das Thema, das dem kleinen Band zu Grunde liegt, in den Mittelpunkt rückt: Das private Glücksempfinden „gewöhnlicher“ deutscher Hitler-AnhängerInnen aus dem Volk im Nationalsozialismus.

Der dänische Titel Blomsterbørnene bedeutet zu deutsch Die Blumenkinder. Die zweite Erzählung, die für den Band namensgebend war, handelt dementsprechend von Eva, der Tochter eines Mannes, der zu Ehren Hitlers an die 200 Hakenkreuze aus Blumen binden wird. Für Eva und ihre Mutter ist der Tag ein hohes Fest in ihrem Leben, man soll offensichtlich den Eindruck des vollendetsten Glückserlebnisses erhalten, das man sich selbst und anderen nur wünschen kann. Kritik sucht man vergeblich. Lediglich über die Oma wird beiläufig erwähnt, sie würde nichts für so einen mit einem solchen Bart* tun. Aber wo würde hier auch nur ein ungutes Gefühl ausgelöst, wenn nicht aus der kritischen Auseinandersetzung der vergangenen Jahrzehnte heraus? Wo ist der bezeichnende Unterschied zum falschen Heimatidyll der 50er Jahre, wo derjenige zur Propagandavermittlung an Erwachsene wie Kinder im Dritten Reich selbst? Ist wirklich schon vergessen, wie gnadenlos hingebungsvoll die allermeisten Menschen sein können, nicht etwa, weil sie das öffentliche Übel nicht sehen können, sondern es nicht sehen wollen?

Gerade in der deutschen Öffentlichkeit hat in den letzten Jahren eine Abkehr stattgefunden, sich dem schwärzesten Zeitabschnitt der Vergangenheit in kritischer und aufklärerischer Absicht zuzuwenden und stattdessen mit denjenigen Menschen zu empfinden, die auf Seiten der Nazis standen. Gegenstand einer Besprechung dieser dänischen Publikation kann jedoch nicht der deutsche Wandel der Geschichtsbetrachtung selbst ein, sondern muss den Band selber als das, was er ist und leistet, hinterfragen. Im Mittelpunkt steht daher seine Authentizität und damit verbunden seine Wirkung. Hier ist festzustellen, dass die Autorin keinen überzeugenden Ton trifft. Die knappen Sätze der bald 40-jährigen Autorin, die Bezugnahme auf eine Vielzahl von Figuren mit zudem vielen für die damalige Zeit untypischen Vornamen stellen keine überzeugende Verbindung zur damaligen Zeit her. Beim Herausgreifen einiger Tage aus dem Leben der Gestalten legt sie viel Wert auf die privaten, familiären Vorgänge. Körper, Kleidung und Hygiene erfahren eine deutliche Überbewertung im Sinne einer Ästhetik des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Wesentlich authentischer hingegen ist die erste Erzählung, die in der Gegenwart spielt. Eine dänische Studentin fliegt nach Deutschland und trifft im Flugzeug auf zwei recht unangenehme deutsche ZeitgenossInnen, die auf das Wort Auschwitz auf einem Buchtitel in einer Weise reagieren, dass sich die Studentin glücklich schätzt, keine Deutsche zu sein.

Im Kultur- und Geistesleben Dänemarks erfährt, was aus Deutschland stammt, immer noch auffallend häufig eine negative Wertung. So sind etwa in zeitgenössischen Filmen sowohl deutsche Figuren als auch Rollen für deutsche SchauspielerInnen gerne negative Gestalten. Eine deutsche Person, vor der man Hochachtung entwickeln kann – wann ist das einmal wieder denkbar? Positiv an dem Erzählband fällt deshalb auf, dass sich die Autorin offensichtlich darum bemüht, ihre Landsleute überhaupt dazu zu bewegen, sich mit den deutschen NachbarInnen auseinander zu setzen. Ob der Band allerdings mittels der neuen Schreibart und die Betonung des Privatlebens der kleinen Leute wirklich einen sinnvollen Beitrag zur Revision des aktuellen Deutschlandbildes der dänischen Bevölkerung hinsichtlich dessen leistet, was die deutsche Vergangenheit für Art und Psyche heutiger Deutscher bedeutet, erscheint vor diesem Hintergrund sehr fraglich. Falls ja, würde dies auf einen ausgesprochen schlechten Kenntnisstand im Nachbarland weisen, dem in der Tat dringend abzuhelfen wäre – auf profunde Art und Weise und durch Vermittlung von Wissen, das betroffen macht.

* eigene, nicht autorisierte Übersetzung

 

Margerita Bube

 

Marina Cecilie Roné
Blomsterbørnene.
Noveller

Lindhardt og Ringhof
2006
Kopenhagen

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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