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Evil - Das Böse

Ein schwedisches Jugendbuch über Gehorsam und Widerstand

Am liebsten möchte man das Buch sofort zur Seite legen. Es gehört Überwindung dazu, das nicht zu tun. Sondern weiterzulesen: wie ein Kind vom eigenen Vater geschlagen wird, von Schlägen am Esstisch, Nachtischprügel, Ohrfeigen, versteckten Hieben und Tritten, von brutalem Schlagen, von einer blutbespritzten Tapete im Kinderzimmer.

Erik ist 14, im Schweden der fünfziger Jahre. Sein Zuhause war das, was man eine feine Familie nennt. Mit Geld, Klaviermusik und Bildern an den Wänden, Dienstmädchen und einer großen Villa. Das war, bevor die Familie aus der reichen Vorstadt in den schlechteren Stadtteil zog, Bilder verkaufte, der Vater vom Direktor zum Oberkellner wurde. Die Bürgerlichkeit hat man sich allerdings bewahrt und die täglichen Prügel für Erik auch.

Erik zählt zu den intelligentesten Schülern, ist zugleich aber der kräftigste und erfolgreichste Schläger der Schule. Die will den Jungen bald nicht mehr haben und wirft ihn hinaus. Es erscheint aussichtslos für ihn, eine andere Schule zu finden. Das Privatinternat Stjärnsberg ist seine letzte Chance, überhaupt noch das Abitur zu machen. Dafür verkauft die Mutter das letzte Bild. Eine Eliteschule. Vornehm. Weit weg vom Vater.

Und Stjärnsberg ist ein Paradies. Mit besten Lernmöglichkeiten, erstklassigem Lehrpersonal, finnischen Dienstmädchen, Bibliothek, Schwimmhalle, mit Stiftergeist und Idealen. Und mit einer Ethik. Der Ethik der "Kameradenerziehung". Das heißt: Die Großen passen auf die Kleinen auf. Denn: "Man mußte gehorchen und befehlen können. Das war nötig für die Zukunft, wenn die Stjärnsbergknaben einst die Industrie und die Streitkräfte des Landes dirigieren würden."

In Stjärnsberg funktioniert die "Kameradenerziehung". Jedoch nach einer brutalen Regel - die älteren Schüler können ungehindert strafen, prügeln, erniedrigen und quälen. Sich dem zu widersetzen - das gibt es nicht. Die paradiesische Lehranstalt bedeutet in der Realität nichts weniger als jahrelange Gefangenschaft, und ein Haufen johlender Primaner sitzt ganz oben. Wer neu und aufmüpfig ist, wird von ihnen an einen ganz besonderen Ort befohlen, ins "Karo". Zu zweit verdreschen die Primaner dort die neuen Schüler, die nach allen Regeln der Kunst halb lahmgeschlagen werden. Vorher aber "gingen alle Lehrer eilig nach Hause, schlossen die Türen und drehten das Radio laut. Die durften sich nun wirklich nicht einmischen, das wäre ein glatter Verstoß gegen die Schultradition der Kameradenerziehung." Für Erik ist das alles nicht einzusehen. Er ist der einzige, der sich gegen das System der primitiven Primaner wehrt. Auch körperlich. Er hat die Kraft dazu, den Widerstand und die Intelligenz, und er hat lebendige Abscheu gegen die, die "es genossen, andere zu quälen". Erik sagt: "Solche dürfen nicht gewinnen." Für ihn ist es das Schlimmste, "solchen Idioten gehorchen und hören zu müssen, wie die Quislinge einen auch noch auslachen".

Eriks Freund Pierre liest dicke Bücher, ist klug, hat ebenfalls keine Lust auf Prügel, weiß aber auch: "Du mußt Dich an die Regeln halten, und es sind ihre Regeln. Und gegen dieses Gesetz kannst Du nichts machen. Sie haben das Gesetz und die Macht auf ihrer Seite, und es hilft gar nichts zu sagen, daß dieses Gesetz eine Schande ist. Man muß andere Methoden anwenden als Gewalt, wenn man gegen die Gemeinheit kämpfen will, und man muß viele kleine Leute auf einmal sein, wenn es klappen soll." Klingt prima, wie eine richtige Antwort in Geschichte oder Gesellschaftskunde, findet Erik. Trotzdem. "Zum Kämpfen gehört Mut, Pierre, und ich meine nicht den Mut, ins Karo zu gehen, man muss auch ganz sicher sein, daß man Recht hat. Jedenfalls sind die meisten Typen ziemlich feige, wenn sie wählen müssen, mit wem sie es halten. Da entscheiden sie sich gern für den Stärkeren, kriechen ihm in den Arsch, bevor sie sich welche einfangen, und schleim en herum von wegen wir sind doch alle Kumpels."

So halten es die Klassenkameraden, die keinerlei Verständnis für Eriks Frechheit haben. Sein Widerstand bringe das ganze vorbildliche System, die ganze Schule nur unnötig ins Wanken. Die Prügel lassen sie im Gegensatz zu Erik über sich ergehen. Und sie erklären ihm "oft, wenn auch verblümt und vorsichtig, um ihn nicht zu provozieren, daß man nicht so frech sein dürfe. Regeln müßten schließlich eingehalten werden." Man müsse lernen, Befehle zu befolgen. So schwierig könne das ja wohl nicht sein. Wie sollte man sonst selbst Befehle erteilen können, wenn man dann Abiturient, Reserveoffizier oder Firmenchef wurde? Eriks ganzes Verhalten ist für sie eher "peinlich", ein Verstoß gegen die Traditionen. "Sie hielten zu den Überlegenen, auch wenn sie selbst Unterlegene waren."

Auf Verbündete hofft Erik vergebens, seinen Kampf kämpft er fast allein. Und Pierre fragt: "Wars das wirklich wert? Es hält doch niemand zu dir, alle anderen wollen in Stjärnsberg alles so lassen, wie es ist, verstehst du." Und eigentlich hätten sich die meisten gewünscht, daß endlich der Querulant ordentlich zusammengeschlagen wird. "Glaub ja nicht, daß da irgendwer auf deiner Seite" wäre.

Man zerrt Erik vor die pseudodemokratischen Interessenvertretungen der Schüler, will seine Disziplin, seine Anpassung. Sein Verhalten sei "nicht gut für den Kameradengeist", sondern "nur schädlich", sogar "unsolidarisch" und "undemokratisch". Man macht Erik ein Angebot. Wenn er fortan ruhig bliebe und keinen weiteren Ärger mehr machte, würde man ihn ignorieren und in Ruhe lassen, er könne sogar weiter in Stjärnsberg bleiben. Damit wäre allen gedient. Und auf der Schule würde es endlich wieder ruhiger. Wenn Erik aber nicht auf den Kompromiss eingehe, würde das den offenen Konflikt bedeuten. In dem Fall natürlich sei er selbst der Hauptleidtragende und könne dann wirklich von der Schule fliegen. Erik geht den Kompromiss ein, er bleibt verschont von Prügel und Gewalt.

Und dann lernt Erik - und mit ihm der Leser - einiges über die Methoden der Macht. Die Feinheiten der Feinen. Denn weil die Stjärnsbergknaben eben keine Chance mehr gegen Erik haben - läßt man ihn in Ruhe und schlägt fortan nicht mehr auf ihn ein. Sondern man nimmt sich Eriks einzigen Freund vor: Pierre.

Am Ende erträgt Pierre die Qualen nicht mehr. Er geht. Die Zeit in Stjärnsberg aber bleibt ihm unvergesslich, und "nur nützlich so, weil man einen besseren Blick für die Dummheit bekommt, wenn man diese Holzköpfe aus nächster Nähe gesehen hat. Dann kann man auch nicht so werden wie sie."

Jan Guillous Buch mit dem etwas umständlichen Titel "Evil - Das Böse" erschien in Schweden 1981 unter "Ondskan". Der Roman gilt dort bereits als Klassiker und gehört zur Schullektüre. Es ist eine einnehmend und gut geschriebene Geschichte, die auch über eine muntere unterschwellige Komik funktioniert. Eine Geschichte über Gewalt, Kontrolle, Toleranz, Widerstand und Macht. Über Mut, Mutlosigkeit, ausbleibende Freundschaft und Anpassung. Über die Fragen, was lasse ich zu, und womit kann ich leben? Und soll man den Kakao auch noch trinken, durch den man gezogen wird?

 

Ulrike Schulz

 

Jan Guillou
Evil - Das Böse

Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs

Hanser
August 2005
379 Seiten
19,90 Euro
ISBN 978-3446206465

oder: dtv - Reihe Hanser März 2007 448 Seiten 8,50 Euro ISBN 978-3423623018

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Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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