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Landkarte des Paradieses

Diskussionen im finnischen Lehrerzimmer - Roman über eine prinzipienfeste Lehrerin und ihre Schüler

Eine finnische Lehrerin lässt die lange, gemeinsam verbrachte Zeit mit einer Abschlussklasse Revue passieren. Ein selbstreflexiv angelegter Roman mit einem eingeflochtenen Rückblick auf ihre eigene Vergangenheit, die die Erzählerin zu dem hat werden lassen, was sie ist: einer prinzipienfesten Lehrerin, die ihren Schülerinnen und Schülern alles zu geben und beizubringen sucht, was machbar ist. Die diejenigen, die in Finnland als schwierig gelten, nicht ihrem Schicksal überlässt, sondern ihnen ein Leben als soziale und fähige Menschen ermöglicht.

Raakel heißt die Erzählerin mit Vornamen, doch sie ist nicht wie die alttestamentarische Rahel die geliebte Frau des Mannes, den sie heiratet, nachdem dieser alles für sie eingesetzt hat. Als charismatischer sozialistischer Studentenführer der 70er Jahre hatte ihr Mann nebenbei zahlreiche andere Frauen und missbrauchte seine Macht über alle. Den Verlust der eigenen Persönlichkeit während vieler Jahre eines Lebens für die Ideologie setzt sie nunmehr konsequent in Erziehung um. Sie hat die Abschlussklasse zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Während diese auf sich warten lässt, führt sie mit ihr ein Zwiegespräch in der zweiten Person Mehrzahl.

Die einzelnen Schülerinnen und Schüler der Klasse erscheinen nicht heldenhaft, sondern verbleiben trotz allem recht blass im Hintergrund. Warm wird man mit ihnen nicht, was der Beziehung zwischen der Lehrerin und ihnen die Lebendigkeit vorenthält, die man eigentlich in ihr vermutet. Durch die Kinder hindurch wird das Spektrum an sozialen Problemen der Gesellschaft beleuchtet. Teilweise sind es wirklich katastrophale Ereignisse, die während der zwölf Schuljahre geschehen und Zweifel an den als so hervorragend geltenden finnischen Schulen wach werden lassen. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass es sich hier um Kinder handelt, die ohne festen Halt aufwachsen, denen ein unermüdlicher, fantasievoller Einsatz einer Lehrerin, viel Geduld, ein integrativer Ganztagesschulbetrieb sowie eine am Kenntnisstand und an den Bedürfnissen der Kindern orientierte Pädagogik offensichtlich bessere Zukunftschancen bescheren als man sie hierzulande vorfinden würde. Was illustriert wird ist, dass jedes einzelne Kind wichtig ist. Vergeblich sucht man allerdings das schwärmerische Idealbild der finnischen Schule, das sich in den letzten Jahren in Deutschland verbreitet hat. Im Gegenteil schildert die Erzählerin die Diskussionen im Lehrerzimmer um die pädagogischen Theorien der 90er Jahre mit ironischem Biss und zieht eine glühende Verfechterin der Auflösung des Klassenverbands genüsslich durch den Kakao.

Eine Ungereimtheit ist allerdings, welchen Sinn es haben soll, dass die etwa achtzehnjährigen Jugendlichen ohne Absage kollektiv der liebevoll vorbereiteten Feier fern bleiben. Dass eine gute Lehrerin auch dies noch mit Gelassenheit hinnehmen möge, würde allerdings jedes Maß sprengen. Also doch ein absurdes finnisches Moment, dass sie es tut? Erwachsen wirken die Schülerinnen und Schüler nicht, trotz aller Bemühungen um sie scheinen sie mittendrin im Strudel der Wertkrisen der Konsumgesellschaft zu stecken. Angesichts der Art der Krisen kann man sich allerdings etwas darüber wundern, dass es sich hier in Wirklichkeit um die Generation derjenigen handelt, die heute bereits 27 Jahre als sind – offensichtlich traten auch die jeweiligen Erscheinungsformen der Probleme in Finnland einige Jahre früher auf.

 

Margerita Bube

 

Anja Snellman
Landkarte des Paradieses

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

btb Verlag
München 2005
224 Seiten
€ 8,50

ISBN 3 442 733359

Originalausgabe: Paratiisin kartta
Ottava, Helsinki 1999

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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