Kontakt/Impressum  Suche       Druckansicht       Auf Facebook teilen
   

Der Gast

Geschichte eines unerbetenen Besuchs. Litauen nach dem Umbruch

Dieser Roman bietet eine gute Gelegenheit, mit dem Leben im postkommunistischen Litauen der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Bekanntschaft zu schließen. Nichts ist dort, wie es sein soll, alles befindet sich im Umbruch. Was kommen wird, ist ungewiss. So ergeht es auch dem Ich-Erzähler des Romans, Andrius Tumonis, der in Litauen ein geschätzter und bekannter Prosaschriftsteller ist. Eines Tages erhält er einen Brief von einem Strafgefangenen eines russischen Arbeitslagers, Mikas Tumonis, der felsenfest behauptet, sein Bruder zu sein. Andrius Tumonis beantwortet seine Briefe, und eines Tages steht Mikas vor seiner Haustür, dreckig, stinkend, unhöflich und dreist. Trotzdem kann der Schriftsteller nicht anders als ihm Unterkunft zu gewähren und sich bis zu einem gewissen Grad mit ihm auseinander zu setzen.

Mikas kennt indessen von seiner Abstammung lediglich die Vornamen seiner Eltern. Zumindest behauptet er, in Litauen geboren und als kleines Kind mit seiner Mutter und deren zweitem Mann, einem Russen, nach Russland gekommen zu sein. Dort wächst er in einem Waisenhaus auf und wird später zu einem gewalttätigen Kriminellen. Sein Traum ist es, nach Litauen zurückzukehren. Von einem anderen Gefangenen lernt er Litauisch, dann reist er direkt nach Vilnius.

Die Geschichte seines unerbetenen Besuchs ist verwoben mit der Lebensgeschichte des Schriftstellers und der in emotionaler Hinsicht äußerst unstabilen Situation, in welcher er sich momentan befindet. Andrius Tumonis' Weg begleiteten die Worte seines Vaters, dass nichts schlimmer sei, als schon in jungen Jahren zu straucheln. Dies ist ihm keineswegs passiert, vielmehr ist sein Werk von Erfolg gekrönt, und dennoch gerät auch seine gefestigte Existenz ins Wanken. Seine Frau starb in Folge einer schweren Krankheit, die Tochter bekämpft seine neue Liebe zu einer Künstlerin und zwingt die Trennung herbei, um dann in Deutschland ihr Glück zu suchen. In dieser Situation taucht Mikas auf, und es geht keineswegs darum, die Frage der tatsächlichen Verwandtschaft zu klären als vielmehr der Frage auf den Grund zu gehen, was bedeutet diese Begegnung, was bringt sie mit sich? Bahnbrechende Ereignisse sind es nicht. Vor allem ist es wohl die vergangene Sowjetzeit, die durch Mikas wieder lebendig wird: die enge Verknüpfung des eigenen Schicksals mit den Russen, Frauen, die nach typisch russischer Manier dem Mann folgen, der ihnen die bessere Zukunft bietet, die engmaschige Überwachung der Bevölkerung einschließlich der absurden strafrechtlichen Praxis und des Verschwundenseins vieler Familienangehöriger. Hier und da springt dann auch der verwöhnte Schriftsteller über seinen Schatten. Zu Beginn des „Besuchs“ sogar ganz enorm, indem er dem unerwünschten Gast nicht die Tür weist und an Widrigkeiten einiges in Kauf nimmt. Vielleicht ist sein späteres Eingeständis, Mikas sei in der Tat sein Bruder, ein Bekenntnis auch zu der dunklen und russifizierten Vergangenheit des Landes?

Als Sinnbild für die Situation der litauischen Bevölkerung nach der Unabhängigkeit können die Worte verstanden werden: „Gräm dich nicht, Mikas, (...) das Leben hat dich schon manchmal in einen reißenden Fluss geworfen, und du hast dich freigeschwommen. Du wirst dich auch jetzt freischwimmen, nur musst du unverzüglich beginnen mit deinen Schwimmbewegungen, bevor dich ein anderer packt und ans Ufer zerrt. Und immer bist du allein geschwommen, du wirst dir auch jetzt zu helfen wissen. Litauen wird dir keine Stiefmutter sein. Menschen, die von sonst woher kommen, finden hier ihren Platz, auch du wirst ihn finden. Wirst irgendwo unterkommen, irgendeine Arbeit finden, dich irgendwie durchschlagen ... Lass den Kopf nicht hängen, alles wird dir am Ende von Nutzen sein. Wenn nicht jetzt, dann wirst du später diese Erfahrung machen. Nur zu deinem Nutzen.“

Der Schriftsteller nimmt im Litauen der 90er Jahre noch eine gesellschaftliche Position ein, die hierzulande längst der Vergangenheit angehört. So treten gleich mehrere Polizisten auf, die mit dem Namen Andrius Tumonis auf Anhieb etwas anzufangen wissen. Interessant sind auch die Figuren und Verhältnisse, die den Schriftsteller darüber hinaus umgeben: eine selbstaufopfernde arme Haushälterin, die nicht einen Pfennig fürs Saubermachen nimmt und dabei ganz und gar nicht unglücklich wirkt; die alternden Menschen auf dem Land, deren Kinder nach Westeuropa abwandern; das verlassene Gehöft, das er käuflich erwirbt und sich zu einer Art Sommersitz macht; die Tochter, die sich ganz dem Zeitgeist gemäß von der Politik ab- und der Wirtschaft zuwendet, wobei sich für sie aber zu Hause nichts verändern darf. Hierbei wird dem Leser/der Leserin deutlich der Unterschied dieses Teils der nördlichen Hemisphäre zum westlichen Nord- und Mitteleuropa bewusst, insbesondere die wesentlich härteren Lebensbedingungen und - im Positiven wie im Negativen – die Abwesenheit typischer Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die Osteuropa nicht durchlaufen hat.

Der Roman vermag es, unsdas Litauen der 90er Jahre ein Stückchen näher zu bringen. Bubnys ist in Deutschland allerdings kein gänzlich unbekannter Autor. Einige seiner Romane erschienen in Verlagen der DDR, und auch nach der Wende wurden hierzulande Werke von ihm publiziert.

 

Margerita Bube

 

Vytautas Bubnys
Der Gast

Aus dem Litauischen von Klaus Berthels
Athena-Verlag,
Oberhausen
2007
334 Seiten

Svecias
Santara, Kaunas
1998

Unsere aktuellen Veranstaltungen

Oktober - 2017
M D M D F S S
  01
02 03 04 05 06 07 08
09 10
11
12 13 14 15
16 17 18 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31  
Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

Keine News in dieser Ansicht.

Logo des Kulturhus Berlin e.V. KULTURHUS BERLIN | Tel (Mo-Mi/Fr): +49.(0)30.2093-4952 | Email: info (at) kulturhus-berlin.de