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„Wozu diese Blätter noch dienen können ...“ Die lesenswerten Tagebücher

„Wozu diese Blätter noch dienen können ...“ Die lesenswerten Tagebücher der Ruth Maier

Ruth Maier war eine Wiener Jüdin, die 1939 vor den Nazis nach Norwegen floh. Dort, dachte sie, sei sie sicher. Doch im November 1942 wurde sie zusammen mit über 500 weiteren Juden verhaftet und nach Auschwitz deportiert. 346 der Gefangenen wurden als nicht arbeitsfähig eingestuft und sofort in den Gaskammern ermordet. Unter ihnen Ruth Maier. Sie starb am 1. Dezember 1942 mit 22 Jahren.

Ihre Tagebücher sind fast vollständig erhalten geblieben. Ihre Freundin Gunvor Hofmo, die eine der wichtigsten Lyrikerinnen Norwegens werden sollte, hatte sie aufbewahrt. Nach ihrem Tod 1995 fand Jan Erik Vold, ebenfalls ein bedeutender Lyriker Norwegens, die Tagebücher in Hofmos Nachlass, als er an der Biografie über sie arbeitete. Nachdem die Arbeit an der Biografie abgeschlossen war, machte er sich an die Edition der Tagebücher von Ruth Maier. Was er in ihnen fand, war nicht nur ein einzigartiges autobiografisches Zeugnis von der Verfolgung der Juden in Europa. Er fand auch eine hochbegabte junge Frau, deren sprachlicher Reichtum und analytische Intelligenz tief beeindrucken, die genau beobachtet und mit Humor die Eigenarten ihrer Mitmenschen beschreibt. Ruth Maier hat 1933 als zwölfjährige begonnen, Tagebuch zu schreiben und bis zu ihrem Tod ihre Gedanken und Gefühle, ihre Zweifel, ihre Ängste, aber auch ihr Glück und ihre Hoffnungen niedergeschrieben. Wo Aufzeichnungen fehlen, sind glücklicherweise viele Briefe an die Familie in England erhalten geblieben. Ruth Maier schrieb auch Gedichte in ihr Tagebuch und malte. Einige ihrer Bilder und Zeichnungen sind neben dem Text abgedruckt, ebenso wie Fotos aus ihrer Zeit in Norwegen.

Ruth Maier wuchs in einem bürgerlichen Umfeld in Wien auf. Ihr Vater war sehr gebildet, beherrschte neun Sprachen und war Doktor der Philosophie. Er starb, als Ruth 13 Jahre alt war. Ruth beschreibt in ihrem Tagebuch die immer bedrückender werdende Stimmung in Wien, die Pogrome gegen die Juden und ihre Vorbereitung auf die Flucht. Auch ihren Zwiespalt, denn ihre Familie geht nach England, während sie sich für Norwegen entscheidet.
In Norwegen lebte sie bei der Familie Strøm. Ruths Gastvater Arne Strøm war ein Bekannter ihres Vaters gewesen und hatte sich bereit erklärt, sie bei sich aufzunehmen. Sie lebte vier Jahre lang in Norwegen, machte hier ihr Abitur und nahm dann am freiwilligen Frauenarbeitsdienst teil, wo sie auch Gunvor Hofmo kennen lernte, die ihre engste Freundin und ihre Geliebte wurde. Später ging sie zur Zeichenschule und stand Modell für verschiedene Maler und Bildhauer, unter ihnen auch Gustav Vigeland, und reist immer wieder durch das Land. 1942 bezog sie ein Zimmer in einem Pensionat in Oslo. Dort wurde sie schließlich bei einer Razzia verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Die Tagebücher von Ruth Maier sind unbedingt lesenswert. Sie sind ein Stück hervorragend geschriebener Zeitgeschichte. Die Kenntnis ihres grausamen Todes schmerzt und macht hilflos und fassungslos. Und doch ist es ein Glück, an ihren intimsten Gedanken und ihren Reflexionen über das politische Geschehen teilhaben und sie so kennen lernen zu dürfen. Gut ein Jahr vor ihrem Tod schreibt sie: „Wozu diese Blätter noch dienen können, weiß ich nicht. Es ist viel mehr Gewohnheit, dass ich noch schreibe. Irgendwelche hübschen Stunden festhalten, um die Zeit zu füllen. Um sich nachher zu sagen: Ich kann noch etwas schreiben, über mich, mein Leben. Schreiben, schreiben. Es ließe sich viel schreiben.“
Es ist, als hätte sie geahnt, welchen Wert ihre Tagebücher einmal haben würden.

Katharina Bock

Ruth Maier
Das Leben könnte gut sein
Tagebücher 1933 bis 1942
Herausgegeben von Jan Erik Vold, 2008 auf Deutsch erschienen
Gebunden, 544 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-421-04372-6

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