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Steinunn Sigurdardóttir

Vom Sólskinshestur zum Sonnenscheinpferd

Die isländische Autorin Steinunn Sigurðardóttir und ihr jüngster Roman über eine Kindheit in Reykjavík, Gefühlskälte und die große Liebe.

 

„Ich fühle mich überall zu Hause. Aber Island hat eine besondere Bedeutung für mich, die kein anderes Land übernehmen kann.“ Die isländische Autorin Steinunn Sigurðardóttir ist eine wahre Kosmopolitin. Sie wurde 1950 in Reykjavík geboren, studierte Psychologie und Philosophie in Irland, war Auslandskorrespondentin in Schweden, lebte in Frankreich, Japan und in den USA, bevor es sie nach Berlin verschlug. Mit ihren Büchern, die seit den 1980er Jahren fest zum isländischen Kanon gehören, verhält es sich ähnlich. Sie sind in neun Sprachen übersetzt, und eines von ihnen, Tímaþjófurinn/Der Zeitdieb, ist in Frankreich sogar verfilmt worden.

Seit Jahren im Ausland zu leben und dennoch eine durch und durch isländische Autorin zu sein ist für Steinunn Sigurðardóttir kein Problem – im Gegenteil.

„Es hat nicht mit der Geografie zu tun, wie isländisch oder un-isländisch die Bücher sind. Es passiert im Kopf. Ich habe Glück, dass ich so viele unterschiedliche Einflüsse bekomme und sie helfen mir, aus der Distanz auch mit viel mehr Klarheit zu sehen.“

Acht Romane, zwei Theaterstücke, ein Kinderbuch, Kurzgeschichten und acht Gedichtbände hat sie bislang veröffentlicht. „Ich bin halb Dichterin, halb Romanautorin“, sagt Sigurðardóttir. „Ich glaube, dass mir das sehr hilft. Meine Lyrik unterstützt meine Prosa und meine Prosa unterstützt meine Lyrik. Also bin ich ganz glücklich als diese zwiespältige Autorin.“ In Deutschland ist Steinunn Sigurðardóttir hauptsächlich als Romanautorin bekannt. Insgesamt fünf Romane sind in Deutschland erschienen, zuletzt Sonnenscheinpferd/Sólskinshestur.

Sólskinshestur ist die Geschichte von Lilla, einer 43-jährigen Frau, die nach 25 Jahren ihre große Jugendliebe wiedersieht. Diese Begegnung lässt Erinnerungen an die Vergangenheit wach werden, Erinnerungen an eine Kindheit im emotional unterkühlten Ärzte-Elternhaus, an die betrunkene Nelli und an Halla im Milchladen. Sie hatte einst zu Lilla gesagt, dass sie aber wirklich kein Sonnenscheinpferd sei – eine rätselhafte Bemerkung, die der kleinen Lilla zwei verweinte Abende und viel Grübelei bescherte, bis sie zu dem Schluss kam, dass ein Sonnenscheinpferd wohl ein Pferd ist, das nur bei Schönwetter aus dem Stall muss.

Sigurðardóttir lässt Lilla auch im Rückblick größtenteils aus ihrer kindlich-naiven Perspektive auf die Welt schauen. So erkennt das Mädchen mit seinem unverstellten Blick in der von allen nur als „volle Frau“ bezeichneten Nelli einen herzensguten Menschen – in den eigenen Eltern hingegen ein geistig abwesendes Paar, das „die Unverfrorenheit“ besaß, Kinder in die Welt zu setzen, an die es sich nie gewöhnte. „Die seltenen Male, die Ragnhild und Harald einen ganzen Abend zu Hause waren und das Programm im Fernsehen des amerikanischen Stützpunktes nicht besonders war, erzählten sie sich Geschichten von Tuberkulose und Liebe.“(S. 52) Der humorvolle, ja fast sarkastische Ton, der hier anklingt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und bildet einen auflockernden Kontrast zur Tragik der Geschichte, die vor allem auch die Geschichte einer großen Liebe ist.

Immer wieder blitzt in Sólskinshestur auch die Dichterin Steinunn Sigurðardóttir auf: „Lachen ist meist ein flüchtiger Spaß. / Und das gilt für vieles im Leben, wenn nicht für alles, was gut ist – dass es nur flüchtig ist.“ (S. 166 f.) Lillas Gedanken sind oft wie kurze Gedichte gedruckt – mit viel Platz dazwischen, der den poetischen oder alltäglichen, dabei aber nie abgehobenen oder kitschigen Bemerkungen viel Raum lässt.

 „Es war ein merkwürdiger Fall mit Sonnenscheinpferd“, sagt Sigurðardóttir. „Das Schicksal der Frau war das erste, was ich wusste. Und dann musste ich mich fragen: Wie ist es dazu gekommen? Wer war diese Frau?“ Feste Vorgehensweisen hat sie beim Schreiben nicht. „Meine Romane sind alle auf verschiedene Weise konstruiert und ich arbeite immer mit anderen Methoden, was mein Leben sehr schwierig macht, weil ich immer wieder Anfängerin bin.“ Das Ergebnis dieses immer wieder frischen Schreibens sind mehrfach ausgezeichnete Romane und Gedichtbände. Für den Roman Hjartastaður/Herzort erhielt Sigurðardóttir 1995 den isländischen Literaturpreis.

Doch fast genauso wichtig wie der Erfolg in der isländischen Heimat ist für Steinunn Sigurðardóttir, dass ihre Bücher auch im Ausland erfolgreich sind und in immer mehr Sprachen übersetzt werden. „Es ist eine unglaublich bereichernde Erfahrung für einen Autor, wenn die Werke in Übersetzung erscheinen und Leute mit komplett anderen kulturellen Voraussetzungen sie lesen und schätzen. Mit jedem Land bekommt das Buch ein neues Leben.“

 

Anika Lüders

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