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Jakop Janssønn
(c) Mats Gangvik (TIFF)

Am 8. Februar 2019 wurde der Oscar-nominierte samische Film Ofelaš / The Pathfinder als Stummfilm im Rahmen der 69. Berlinale im Kino BABYLON vorgeführt – neu und live vertont von fünf hochkarätigen Musiker*innen aus Norwegen und Russland. Das bildgewaltige, auf der winterlichen Finnmarksvidda gedrehte Abenteuerdrama unter der Regie von Nils Gaup ist der erste samische Langspielfilm und einer der international bekanntesten Streifen aus Norwegen. Es erzählt von dem jungen samischen Jäger Áigin, dessen Familie von Tschuden, Eindringlingen aus dem Osten, getötet wird. Zunächst schwört Áigin Rache, doch um andere Samen auf ihrer Flucht in Richtung Küste zu retten, sieht er sich vor der Herausforderung, die Tschuden durch die gefahrenreiche Winterlandschaft zu führen.

Jakop Janssønn, Percussionist und musikalischer Leiter des Ensembles, hat gemeinsam mit seinen Kolleg*innen Marja H.F. Mortensson (Gesang, Joik), Vladislav Demin (Violine), Magnus Wiik (Dobro, Banjo, Mandoline) und Torje Åsali Jenssen (Gitarre) eine neue Musik geschaffen, die mit zeitgenössischer und dennoch unverkennbar samischer Prägung dieses Filmkonzert zu einem außergewöhnlichen klanglichen und visuellen Erlebnis macht.

KULTURHUS BERLIN (KHB) sprach mit Jakop Janssønn und Vladislav Demin über das Projekt.


KHB: Hallo Jakop und Vlad! Könnt Ihr uns erzählen, auf wessen Initiative das Projekt zurückgeht und wie Ihr Euch als Gruppe zusammengefunden habt?

Jakop: Beim Tromsø International Film Festival (TIFF) gibt es jedes Jahr eine Vorführung, bei
der Live-Musik zu Stummfilmen gespielt wird. Für das Jahr 2017 plante das TIFF, die Samen
anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der ersten samischen Konferenz gebührend zu feiern.
So baten sie mich, mit einem Ensemble zu der Vorführung beizutragen. Das TIFF und ich
kamen auf die Idee, eine komplett neue Fassung des samischen Kult-Meisterwerks „Ofelaš“
(The Pathfinder) zu kreieren. Wie der Zufall es wollte, feierte der Film in dem Jahr sein 30jähriges
Jubiläum. Es war eine große Herausforderung, weil es einer der bekanntesten und
meist gelobten Filme bei den Samen und in Norwegen ist; außerdem war der Soundtrack an
sich bereits sehr gut - insofern war es schon eine ziemlich gewagte Aufgabe.

Vladislav
: Unser musikalischer Leiter Jakop Janssønn hatte eine Grundidee davon, wie die
Gruppe als Ganzes klingen sollte. Alle anderen Musiker*innen außer mir kommen aus
Norwegen und waren mit Jakop bereits als Freund*innen oder Kolleg*innen verbunden.
Daher wusste er schon sehr genau, was er erwarten konnte. Ich selbst spiele Violine und
wurde vom Produzenten eingeladen, da er mich aufgrund bestimmter Fähigkeiten in
klassischer und Weltmusik sowie Improvisation als geeignet einschätzte.

KHB: Kanntet Ihr den Film zu dem Zeitpunkt schon – oder seid Ihr erst im Zuge des gemeinsamen Projektes enger in Berührung damit genommen? Und was ist Euer persönlicher Bezug zum Film?

Jakop: Der Film hat mich stark beeinflusst, als ich jung war. Es war der erste samische
Spielfilm; noch dazu sind die Dialoge komplett auf Samisch. Das bedeutete für viele
Menschen, dass sie ihre Sprache zum ersten Mal in den Kinos hören konnten. Ich erinnere
mich auch, wie ich den Film als Kind aufgrund der Darstellung der Filmfiguren als äußerst
spannend und lebendig empfand. Es fühlte sich an, als ob man von der Leinwand verschluckt
würde.

Vladislav: Ich persönlich kannte den Film vorher nicht.

KHB: Könnt Ihr uns sagen, inwiefern und ob Eure Wurzeln eine Rolle in diesem Projekt
spielen und inwiefern das bei den anderen Musiker*innen der Fall ist?

Jakop: Sie spielen ganz gewiss eine Rolle. Ich habe einen gemischten kulturellen Hintergrund:
Mein Vater kommt aus Island, meine Mutter aus einer samischen Küstengegend. Ich selbst
bin Sápmi eng verbunden und tief in der samischen Musikszene verwurzelt. Ich denke nicht,
dass ich mich an dieses Projekt gewagt hätte, hätte ich nicht samische Wurzeln und eine
Verbindung sowie ein Verständnis von der Kultur. Für diesen Film wollte ich allerdings nicht
mich als Komponisten und Bandleader in den Vordergrund stellen, sondern unsere Joikerin
im Ensemble, Marja Mortensson.

Marja Mortensson ist Rentierhirtin und Joikerin aus dem südlichsten Teil von Sápmi. Sie
spricht eine Sprache, die nur noch 500 Menschen kennen; und auch ihre Joik-Tradition ist so
gut wie ausgestorben. Sie joikt auf eine Art, die etwas Uraltes mitschwingen lässt, etwas, das
unserer Welt vielleicht abhanden gekommen ist. Wenn man ihre Stimme anhört, kann man
ihr Zuhause, ihre Rentiere, ihre Familiengeschichte, ihre Vergangenheit und Gegenwart hören.
Deshalb wollte ich Marja Mortensson in vielerlei Hinsicht als Wegbereiterin für dieses
Musikprojekt gewinnen.

Vladislav: Um ehrlich zu sein, gibt es in meinem Fall keine direkte Verbindung zwischen
meinen Wurzeln und dem Projekt. Mein Vater kommt aus Weißrussland und meine Mutter
hat unterschiedliche Wurzeln, unter anderem deutsche auf mütterlicher Seite. Ich selbst
wurde in Karelien in Russland, einer finnisch-ugrischen Region, die im Westen an Finnland
und im Norden an Murmansk und Umgebung grenzt, geboren und lebe dort. Die Gegend
um Murmansk ist die einzige Region in Russland, in der Samen, um die es in dem Film geht,
seit jeher vertreten sind. Früher lebten sie auch auf dem Gebiet des heutigen Kareliens.

Die Eindringlinge im Film gehören den Tschuden an, die dem in Karelien lebenden Volk der
Wepsen zugerechnet werden. Die Verbindungen sind geografisch gesehen sehr umfassend.
Ich habe in der Folkgruppe Sattuma und der Ethno-Triphop-Band Ilmu gespielt. Dabei ging
es uns darum, die vorwiegend finnische und karelische Kultur auf unsere Art zu verarbeiten.
Auf diese Weise bin ich seit meiner Kindheit mit der finnisch-ugrischen Kultur eng verbunden.
Daher sind Projekte mit solch einem ethnischen Hintergrund immer sehr spannend für mich.
Ich bin froh, die Minderheitskultur mit meiner Beteiligung zu unterstützen. Jakop sowie
unsere Sängerin sind Samen; für sie spielt es eine entsprechend große Rolle, ihre eigene
Kultur in den Vordergrund zu bringen.

KHB: Wie organisiert Ihr Eure Proben?

Vladislav: Vor unserem ersten Auftritt hatten wir eine knappe Woche Zeit, um uns
musikalisch vorzubereiten. Jakop hatte bereits einen ungefähren Plan für die Musik und das
Konzept. Also haben wir versucht, nach diesem Plan zum Film zu spielen und begannen dann,
Ideen und die Musik weiterzuentwickeln, was Improvisationen von allen Musiker*innen
einschloss. In der Musikakademie von Tromsø hatten wir einen schönen Raum mit
Videoprojektion, sodass wir ohne Weiteres zu festen Zeiten proben konnten.

KHB: Ihr habt schon Auftritte in Norwegen gehabt, seid durch Russland und China
getourt und wart in Kooperation mit NORDWIND auch im Kampnagel in Hamburg zu
sehen. Wie waren die Reaktionen des Publikums und der Presse?


Jakop: Es war einfach überwältigend, das auf große Bühnen zu bringen. Wir haben sehr viele
Rückmeldungen bekommen, die uns wirklich berühren. Oft hören wir, dass Leute, die den
Film bereits kennen und eine starke Verbundenheit dazu spüren, sich fühlten, als würden sie
den Film zum ersten Mal sehen bzw. erleben, quasi mit neuen Augen und Ohren. Das weiß
ich besonders zu schätzen.

Vladislav: Manche Auftritte waren sehr emotional, manche weniger, aber das Publikum
reagierte immer warmherzig. Wir hatten oft den Eindruck, dass die Leute es wirklich mochten,
und manche haben uns das auch so gesagt.

KHB: Was macht für Euch die einzigartige Erfahrung in Hinblick auf diese spezielle
Verbindung zwischen Musik und Film aus?

Jakop: Das möchte ich dem Publikum überlassen, aber es gibt zum Beispiel traditionelle Joiks
im Film. Dass sie an ganz bestimmten Stellen auftauchen, hat durchaus einen tieferen Sinn.
Vladislav: Für mich ist es das erste Mal, dass ich Erfahrung mit solch einem Filmprojekt
sammle. In erster Linie geht es um den Film – dann kommt die Musik. Sich das vor Augen zu
halten, ist wahrscheinlich eine wichtige Erkenntnis, die ich mitgenommen habe.

KHB: Werdet Ihr nach dem Konzert in Berlin weitere Auftritte wie diese haben?

Jakop: Zusammen mit Marja Mortensson und dem Jazz-Tubisten Daniel Herskedal spiele ich
in einem Trio. Wir haben letztes Jahr unser erstes Album Mojhtestasse - Cultural Heirlooms
veröffentlicht und wurden mit Künstler*innen wie dem schwedischen Popstar Robyn für den
Nordic Music Prize nominiert. Nach Berlin wollen wir zukünftig gerne wieder kommen.
Vladislav: Sicherlich wird es weitere Auftritte der Art geben; zurzeit ist aber noch nichts
Konkretes geplant.

KHB: Habt Ihr Pläne für die Berlinale bzw. Euren Aufenthalt in Berlin?

Jakop: Leider kann ich keine großen Pläne schmieden, da ich mit Beaivváš, dem Samischen
Nationaltheater, auf Tour bin, aber ich hoffe, dass unser Ensemble Berlin in naher Zukunft
besuchen wird.

Vladislav: Bisher habe ich es noch nicht geschafft, mir das Programm anzuschauen, aber ich
werde in jedem Fall meine Freund*innen in Berlin treffen.

KHB: Wir bedanken uns ganz herzlich bei Jakop und Vladislav für das Interview!

Das Interview führte Ina Juckel.

 

Das Filmkonzert ist eine Produktion des Tromsø International Film Festival (TIFF) in Kooperation mit NORDWIND und BABYLON.



 

 

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Dienstag, 15. Januar 2019
Mittwoch, 23. Januar 2019
18:30 - Sameblod – saemie vïrre (Das Mädchen aus dem Norden)
Filmvorführung im südsamisch-schwedischen Original mit dt. Untertiteln an der TU Berlin | Einführung und Publikumsgespräch mit Hans-J. Gruda, KULTURHUS BERLIN

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