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Käraste Herman - Rasbiologen Herman Lundborgs gåta
(c) Norstedts
Typische Fotografien zur Darstellung von "Rassen", wie sie auch von Herman Lindborg aufgenommen und veröffentlicht wurden. (c) Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer

 

„Liebster Herman‟

So beginnt Thyra alle Briefe an ihren Mann Herman Lundborg, Leiter des rassenbiologischen Institutes in Uppsala von 1922-1935. Über tausend Briefe von Verwandten, Freunden und Kollegen an Herman Lundborg und seine eigenen wissenschaftlichen Aufzeichnungen sind in der Universitätsbibliothek von Uppsala archiviert. Maja Hagerman hat mit Hilfe dieses gesammelten Materials Lundborgs beruflichen und privaten Werdegang rekonstruiert.

Wir befinden uns am Anfang des 20. Jahrhunderts. Nazistisches Gedankengut hat auch in Schweden Fuß gefasst und findet breite Unterstützung. Auch Herman Lundborg begeistert sich für die Ideen des Nazismus. Deshalb ändert er, auch angeregt durch die Arbeiten Arthur de Gobineaus, dessen 2. Deutsche Ausgabe von „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ er gelesen hatte, seine Forschungsrichtung: anstatt die Erblichkeit von psychischen Erkrankungen zu untersuchen, beginnt er eine umfassende Studie über „typisch‟ lappische, finnische und nordische Eigenschaften. Lundborg wird eine internationale Zentralfigur innerhalb der Rassenbiologie. Er will zeigen, dass die nordische Rasse den Lappen und Finnen überlegen ist. Außerdem will er beweisen, dass reinrassige Lappen und reinrassige Schweden rassenbiologisch besser ausgerüstet sind als eine Bevölkerung, die aus einer Mischung von verschiedenen Rassen besteht. Um jeden Preis gilt es zu vermeiden, dass Kinder aus sogenannten „Mischehen‟ entstehen. Zusammen mit anderen Ärzte und Professoren betreibt Lundborg eine intensive Lobbyarbeit, um seine Arbeit mit staatlichen und privaten Mitteln finanzieren zu können. So wird 1921 die Gründung des weltweit ersten rassenbiologischen Institutes einstimmig im Reichstag beschlossen. Schweden übernimmt damit die Vorreiterrolle in der Rassenlehre.

1913 unternimmt Herman Lundborg die erste seiner zahlreichen Reisen nach Lappland. Mit unglaublichem Eifer macht er eine enorme Bestandsaufnahmen von verschiedenen „Menschentypen‟: nordische/finnische/lappische. Was seine Untersuchung kontrovers macht, ist, dass er sich nicht auf rein äußeren Merkmale beschränkt. Lundborg geht davon aus, dass äußere Merkmale wie Augenfarbe, Schädelmasse, Körperlänge mit besseren und schlechteren inneren Charaktermerkmalen wie Intelligenz, Charakter, sozialem Vermögen, gekoppelt sind. Er will also ein wissenschaftliches Fundament schaffen, das rassistische Handlungen rechtfertigt.

Wissenschaftlich gesehen sind Lundborgs Untersuchungen allerdings in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe: Lundborg geht davon aus, dass das biologische Erbe für alle Eigenschaften allein verantwortlich ist. Zwillingsstudien, die den Einfluss von Ausbildung und Milieu zeigen, ignoriert er schlicht und einfach. Weiterhin ist Lundborg von vornherein überzeugt davon, dass es messbare Unterschiede zwischen Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt. Deshalb findet er Unterschiede auch dann, wenn es keine gibt. Ein Beispiel: wenn man davon ausgeht, dass Lappen einen breiteren Mund haben, dann kann man die Messwerte leicht – bewusst oder unbewusst – durch entsprechende Anweisungen manipulieren. Die Resultate solcher Messungen sind unzuverlässig, wenn derjenige, der die Messungen ausführt, weiß, welche Werte erwartet werden. Man sieht, was man sehen will. Lundborg sammelt Daten von tausenden von Menschen, sein Fokus liegt auf der Vermessung von Schädelmassen. Alle Daten werden ab 1924 mit der von IBM entwickelte „Hollerithmaschine‟ auf ein Lochkartensystem übertragen, um statistisch ausgewertet werden zu können. Dies gibt dem ganzen Projekt einen wissenschaftlichen Schein – aber nicht alles, was man messen kann, ist automatisch wissenschaftlich: hier wird gemessen, bis man den Unterschied statistisch feststellen kann, den man sehen will. Ab 1925 werden die Messungen mit Blutproben ergänzt. Als vorläufige Funde zeigen, dass sich keine signifikanten Unterschiede im Blutindex zwischen Lappen und Schweden finden lassen, wird die Untersuchung abgebrochen. Wissenschaftlich richtig wäre es gewesen, fortzusetzen und zu publizieren, dass sich KEINE Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen finden lassen. Lundborg beschreibt das Problem selber: „Man kann nicht genau wissen, wer Same, Schwede oder Finne ist‟.

Ein weiteres methodisches Problem ist die Bewertung von inneren Eigenschaften. In scharfem Kontrast zu der minutiösen Vermessung des Schädels erfolgt die Bewertung von Intelligenz, Charakter und sozialen Fähigkeiten scheinbar intuitiv und ohne spezielle psychologische Tests. Lundborg wusste ja schon im Voraus, dass Samen weniger begabt sind als die nordische Rasse. Deshalb brauchte er keine besonderen Tests. Ein wissenschaftlich unhaltbares Verfahren.

Auch die Auswahl der Fotos von verschiedenen Menschentypen zeigt sein unwissenschaftliches Vorgehen: er wählt schlicht und einfach die Bilder aus, die die Merkmale zeigen, die er als typisch definiert hat. Das Fotografieren wurde oft nur unwillig erduldet, da es gegen die kirchlichen Regeln der oft streng christlichen Menschen in Lappland verstieß. Oft wurden die Eltern von fotografierten Kindern erst im Nachhinein oder überhaupt nicht informiert. Lundborgs Vorgehensweise war nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch menschlich unakzeptabel.

Da Lundborgs vorläufigen Resultate nicht deutlich seine These stützen, jagt Lundborg weiter nach mehr und mehr Daten. Seine ersten Veröffentlichungen, die schließlich 1924 als Atlas über Rassetypen publiziert werden, begrenzen sich auf die Publikation von ausgewählten Fotos.

Lundborg wird bis zu seiner Pensionierung 1935 nicht fertig mit seiner Datensammlung. Und letztlich zeigt Lundborgs enorme Datensammlung nur, dass es viele Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Menschen gibt, die aber meistens nicht vererbt werden.

Wie kann Lundborg sich so lange ohne publizierbare Ergebnisse als Leiter eines Forschungsinstitutes halten? Einmal fließen Forschungsgelder, so lange Rassenlehre im Trend ist. Zum anderen hat Lundborg sich nicht mit erfahrenen Experten, sondern mit unerfahrenen jungen Forschern umgeben, die ihn nicht in Frage stellen. Erst in den letzten Jahren vor seiner Pensionierung entsteht ein Machtkampf um Lundborgs Nachfolge, die schließlich von Gunnar Dahlberg gewonnen wird, einem der schärfsten Gegner Lundborgs. Während Lundborg davon überzeugt ist, dass alle menschlichen Eigenschaften rein erblich sind, hatte Dahlgren 1926 mit seiner Promotion mit Zwillingsstudien gezeigt, dass soziale Faktoren eine große Bedeutung für die Ausprägung von verschiedenen Eigenschaften haben.

Lundborgs wissenschaftliche Arbeit macht sich ebenfalls in seinem Privatleben bemerkbar. Herman verbringt einen Großteil seiner Zeit auf Forschungsreisen. In Thyras Briefen offenbart sich ein immer größer werdender emotionaler Abstand zu ihrem Mann. Zwischen den Zeilen deuten sich mehrere Affären an, aber Thyras immer kürzer werdenden Briefe beginnen weiter mit „Liebster Hermann….‟. Auf einer seiner Forschungsreisen lernt Herman in Övre Soppero/Badje-Sohppar die Samin Maria Isaksson kennen, die ihm als Assistent und Übersetzer zur Seite steht. Herman verliebt sich in Maria obwohl (!) sie nach seiner eigenen Vermessung zum “lappischen Mischtyp‟ gehört, also finnisch-samischen Ursprungs ist. Die beiden leiten 1924 ein langjähriges Verhältnis ein, Maria zieht in Lundborgs Institut ein und schließlich 1927 wird Hermans dritter (unehelicher) Sohn Allan geboren. Man kann nur ahnen, wie skandalös dieses Ereignis war, zumal Allans Mutter nicht der nordischen Rasse angehört. Hermanns Geschwister stellen sich auf Thyras Seite. Der kleine Allan wächst zunächst bei Pflegeeltern auf. Er ist 4 Jahre alt als Maria sich eine eigene Existenz außerhalb von Uppsala aufgebaut hat und ihn zu sich nehmen kann. Im gleichen Jahr stirbt Thyra, aber Herman und Maria warten mit ihrer Heirat bis nach seiner Pensionierung. Herman ist 68, Maria 43 und Allan 9 Jahre alt.

Man fragt sich natürlich, wie Lundborg damit umging, dass er selber ein Verhältnis mit einer finnisch-samischen Frau hatte. Wie konnte er es mit seiner rassistischen Ideologie vereinbaren, ein Kind mit einer nicht-nordischen Frau zu zeugen? Warum ließ sich Maria auf ein Verhältnis mit einem 25 Jahre älteren verheirateten Mann ein, der sie als Mensch zweiter Klasse einstufte? In den Briefen erfahren wir kaum etwas über Maria, Hermans Gedanken oder über den Skandal, den Allans Geburt bedeutet haben muss. Was Herman selber schreibt, können wir nur indirekt aus Antwortbriefen an ihn schließen. Aber aufschlussreich ist auch, was nicht genannt wird. Man schreibt um den heißen Brei herum. Das Fehlende zu ergänzen macht das Lesen zu einer spannenden Detektivarbeit.

Der Zeitpunkt für die Erscheinung von „Käraste Herman‟ ist gut gewählt: Die Kultur und Geschichte der Samen hat in den letzten Jahren in Schweden mehr Aufmerksamkeit bekommen als je zuvor. Eine interessante Frage ist, warum gerade jetzt die Kolonialisierung Sápmis durch Norwegen, Schweden und Russland/Finnland und die damit verbundenen Übergriffe thematisiert werden. Gleichzeitig hat die samische Kultur eine ungesehene Popularität. Sicher ist, dass die schwedische Bevölkerung sehr wenig über ihre eigene Ursprungsbevölkerung weiß, obwohl dieses Thema für den Geschichtsunterricht in der Schule im Lehrplan vorgeschrieben ist. Vielleicht gelingt es mit Hilfe von Musik mit Jojktradition, Filmen wie „Sameblod‟ oder TV-Serien wie „Midnattssol‟ oder mit spannenden Krimis Interesse bei den Schweden über die Samen und ihre Geschichte zu wecken. Rassismus rechtfertigte die Diskriminierung der Samen, z. B im Schulwesen. Systematisch wurde der samischen Bevölkerung Bildungsmöglichkeit vorenthalten. Mit der Begründung, dass Samen weniger begabt seien, wurden sie auch wirtschaftlich bevormundet. Sie bekamen nur Nutzungsrecht für das Land, auf dem sie nomadische Rentierzucht betrieben, kein Eigentum daran. Gleichzeitig wurden neue Siedler die rechtlichen Landbesitzer. Historische Beschlüsse, die noch heute zu Konflikten führen, z.B. beim Bau von Windkraftwerken oder bei der Erschließung von Mineralvorkommen

Hagermans Biografie gibt einen spannenden Einblick in ein dunkles Kapitel der schwedischen Geschichte.

 

Rezension von Dr. Ursula Lindström (Biologe), Torna-Hällestad, Skåne

 

Maja Hagerman: Käraste Herman - Rasbiologen Herman Lundborgs gåta.

Verlag: Norsteds Förlag

Erscheinungsjahr: 2015

404 Seiten

ISBN: 978-91-1-307428-3

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