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Isländische Tonkunst in Berlin

Die Wikinger und ihre Musik?

Mein liebes Kind, weine nicht, sonst kommt Grímur und nimmt dir deine Zehen, bis er alle hat…
So oder so ähnlich sangen die Student*innen des Háskolakórinn der Universität Islands Volksweisen aus ihrer Heimat. - So kennen wir „die Isländer“: Rabiat und ganz die starken Wikinger. Doch was steckt dahinter? Jede harte Schale verbirgt ja schließlich einen weichen Kern, oder?

Am Montag, den 8. Juni 2015 gab der Chor der Universität in Reykjavík ein Gemeinschaftskonzert mit dem Kammerchor Mitte in der Berliner Zionskirche. Die Gastgeber eröffneten das Konzert mit klassischen Chorwerken vorrangig von Schütz. Dies bot einen perfekten Gegensatz zu den isländischen Gästen. Es waren zwei Kulturgeschichten, die sich dort in der Zionskirche trafen: Die auf einigen Jahrhunderten aufbauende Chorkultur Deutschlands und die sich erst im 20. Jahrhundert etablierte Chorkunst Islands. Doch das Interessante dabei, die isländischen Chorklänge wirkten sehr viel älter, sehr viel mittelalterlicher.

Das kann auf die mittelalterlichen Texte, welche einigen der Lieder zu Grunde liegen, zurückzuführen sein. Aber gehen die Komponist*innen in ihren Werken auf diese ein? Ist das möglich? Vom Klangempfinden kann ich das nur bestätigen. Oder ist das das speziell Isländische? Ihr Bezug zum Mittelalter und die Tatsache, dass sie diese Sprache immer noch sprechen? Auch Chorleiter und Komponist Gunnsteinn Ólafsson griff die Anekdote der sich nicht viel veränderten Sprache auf, doch er relativierte sie. Die jungen Leute können das mittelalterliche Isländisch nicht mehr so gut verstehen, doch wenn es um Romantik geht, sprechen wohl alle Generationen eine Sprache. Mit „Heyr himna smiður“ gaben sie eine der schönsten Mittelalterballaden zum Besten, dessen melancholische Melodie und Harmonik das Verstehen des Textes quasi unnötig machte.
Des Weiteren sangen der Chors eine der zahlreichen Weisen über Krummi – den Raben. Meistens fliegt er über das weite Land und ist auf der Suche nach etwas Essbaren. Er gehört zu Island, wie die zahlreichen Sagas und die isländischen Weihnachtsmänner.

Auch mittelalterliche Gedichte, die sogenannten Rímur, gehören zur isländischen Musiktradition. Sie sind wieder soweit in Mode gekommen, dass sich einige Gruppen damit beschäftigen, sie zu vertonen. Der Chor hat – zusammen mit einem Bariton-Solisten – in einer Vertonung zehn solcher Rímur in einem Medley zusammengefasst. Das war das Spannendste an diesem Konzert. Das Zusammenspiel von Solist und Chor war stimmig und sehr eindrucksvoll.

Faszinierend auch, der Chor sang nur Stücke von lebenden Komponist*innen, was Islands junge Chortradition verdeutlicht. Auch Gunnsteinn Ólafsson hat Stücke für den Chor geschrieben. Doch er war bescheiden genug, den Komponisten als „den Chorleiter“ zu betiteln.

Zum Abschluss des Konzertes sangen die beiden Chöre gemeinsam ein deutsches und zwei isländische Lieder. Man will sich nicht vorstellen, wie lange sie zum Proben dafür gebraucht haben, denn die beiden Sprachen könnten unterschiedlicher kaum sein. Umso schöner zu sehen, dass die Musik die Grenzen der gesprochenen Sprache aufhebt und dafür sorgt, dass wir uns verstehen, ohne die Sprache des anderen zu sprechen. Ein gelungenes Ende eines wunderschönen und lohnenswerten Konzertes.

Und um abschließend auf die Wikinger zurückzukommen: Die mittelalterlichen Texte sind oftmals wirklich sehr rabiat, daher ist der Stereotyp schnell erklärt. Ob aber hinter einer solch rauen Schale ein weicher Kern steckt, habe ich hoffentlich in meiner vollen Begeisterung für die isländische Musik beantwortet: Man muss nicht den Text verstehen, um die Musik zu verinnerlichen und das haben die ausgewählten Stücke in vollem Maße geschafft. Um es mit den Worten Victor Hugos auszudrücken: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Danken wir den isländischen Komponist*innen, für dieses „nicht-schweigen“, welches unseren Horizont erweitert und uns – last but not least – die Herzen öffnet.

Rezension von Sabine Lorenz

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