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Die Samen der Kola-Halbinsel
Russische Samin (3.v.l.) beim Marktkonzert des Jokkomokks Vintermarknads 2005, zus. mit Samen aus allen Teilen Sápmis in versch. Trachten. (Foto: Liane Gruda)

Gelebtes Leben – fünf Saminnen in lebensgeschichtlichen Interviews

Das 2010 im Internationalen Verlag der Wissenschaften Frankfurt/Main erschienene Buch basiert hauptsächlich auf in den Jahren 2006 bis 2008 geführten Interviews mit fünf samischen Frauen. Forschungsgegenstand ist die Zeit zwischen dem 2. Weltkrieg und dem Beginn der Perestroika. Ein Kapitel ist der Perestroika und der postsowjetischen Zeit gewidmet (10 Seiten, ab S. 129). Über die interviewten Frauen finden sich im allein für sich schon interessanten Anhang deren biografische Eckdaten. Sie waren, als der Verfasser die Gespräche mit ihnen führte, zwischen 69 und 80 Jahre alt.

Die älteste Interviewpartnerin ist, wie der vorangestellten Danksagung zu entnehmen ist, die Großmutter seiner Ehefrau. Sicher eine gute, vertrauensvolle Basis für Gespräche in entspannter, privater Atmosphäre. Lukas Allemann stellte dann auch nicht gezielt und gegenüber jeder Interviewpartnerin die gleichen Fragen, sondern ließ die Frauen aus ihrem Leben erzählen und lenkte bei Bedarf das Gespräch zu bestimmten Punkten.Lukas Allemann erläutert einleitend umfassend den Wert und Sinn lebensgeschichtlicher Interviews („oral history) und beschreibt überzeugend deren Vorzüge. Er verweist selbst auf die Subjektivität der Aussagen und die Notwendigkeit, der Alltagsinterpretation der Interviewten die wissenschaftliche Interpretation des Historikers entgegenzusetzen.

Der Autor weist zudem an mehreren Stellen darauf hin, dass bei der Auswertung der Interviews der aktuelle Erfahrungshintergrund der Gesprächspartner nicht außer Acht gelassen werden darf, da Menschen ihre Erinnerungen erfahrungsgemäß von Zeit zu Zeit „umordnen und neu strukturieren“ und jeder Rückblick nur aus der Perspektive erfolgen kann, die der Mensch zum Zeitpunkt des Interviews hat. Dass Lukas Allemann ausschließlich mit Frauen sprach, erklärt er damit, dass die zu Gesprächen bereiten Männer zur Interviewzeit nicht zur Verfügung gestanden hätten. Sie seien gerade „für eine längere Zeit in die Tundra verreist“ gewesen (was auch immer das heißen mag).

Es spiegelt lt. Allemann wider, dass deutlich mehr Frauen als Männer überhaupt am Leben sind, die über die Zeit zwischen dem Ende des Stalinismus und dem Zusammenbruch der Sowjetunion berichten könnten. Samische Frauen haben, so erläutert der Verfasser, eine deutliche höhere Lebenserwartung, als samische Männer, wofür als Ursachen insbesondere Unfälle, Selbstmord und Alkoholmissbrauch genannt werden. Die Kindersterblichkeit sei hoch und die durchschnittliche Lebenserwartung liege aktuell bei 44 Jahren. 

Der Leser wird also mitgenommen zum Besuch bei fünf alten samischen Frauen, Zeitgenossen, die aus ihrem Leben erzählen. Der Autor hinterfragte vorsichtig, um bestimmte Informationen zu erhalten und so erfährt der Leser wertvolle Einsicht u. a. in Orte und Stationen des Lebens, die hierarchische Ordnung, Erziehung, Feste, Feiertage, Brauchtümer, Essgewohnheiten im eigenen Hause, das Verhältnis zur russischen und samischen Sprache und die Erfahrungen mit Kollektivierung und Stalinisierung. Lukas Allemann versucht auch herauszubekommen, ob  es Erniedrigungen aufgrund der Ethnischen Zugehörigkeit oder ob es Fälle gab, in denen es im Gegenteil hilfreich war, Same zu sein.

Interessanter Weise finden sich in den Jahren ab 1989 ganz ähnliche Entwicklungen wie zuvor schon in den samischen Gesellschaften der nordischen Länder Schweden, Finnland, Norwegen: Die Samen ließen ihre alten Traditionen aufleben, was u.a. am Wiederauftauchen samischer Trachten, Farben, Formen und Muster und – vor allem! - der Sprache erlebbar wurde. Neben dieser Rückbesinnung auf eigene Traditionen und Werte werden aber auch negative Entwicklungen genannt: Arbeitslosigkeit, die Abkehr jüngerer Samen vom Beruf des Rentierhirten und zunehmender Alkoholkonsum. Die sozialen Probleme hätten, so die Gesprächspartnerinnen übereinstimmend, nach dem Ende der Sowjetunion noch zugenommen.  Die Gründe für die abnehmende Attraktivität eines auf Renwirtschaft basierenden Lebens in der Tundra sind dieselben und ebenso nachvollziehbaren, wie im weitaus größeren norwegischen, schwedischen und finnischen Teils Sápmis: eine Abkehr von körperlich schweren Arbeiten im rauen, extremen Klima und eine Hinwendung zu den Errungenschaften und Bequemlichkeiten der Jetztzeit: Umzug in Häuser, Heizung, Wasserleitungen, …Vergleiche mit den Erlebnissen und Erfahrungen der Samen in anderen Staaten stellt Lukas Allemann nicht her. Das war auch nicht Thema seiner Arbeit, deren Titel „Die Samen der Kola-Halbinsel“ ist.

Es wäre aber interessant, Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Geschichte und der Entwicklung der Kultur aufgezeigt zu bekommen. Immerhin handelt es sich nicht nur um Samen in verschiedenen Ländern, sondern in völlig unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen. Die Unterdrückung der samischen Minderheit erfolgte gleichwohl, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichen Methoden, in allen Wohngebieten und Zwangsumsiedlungen und ein Verbot der Sprache gab es für Samen z. B. auch in Schweden und Norwegen. Diese Vergleiche könnten einer weiteren Arbeit vorbehalten sein. Die Fotografien im Textteil und die Informationen im Anhang, vor allem die Liste der biographischen Eckdaten der Interviewpartnerinnen stellen eine wertvolle Bereicherung dar. Eine Übersichtskarte der Kola-Halbinsel findet sich ebenso wie ein Glossar. Die Fotos stammen zum Teil aus Privatarchiven und vertiefen den persönlichen Einblick, der schon durch die Erzählform bei den Interviews  entsteht.

Bedauerlich ist, dass Informationen über die Herkunft der Samen und ihre Verbreitung in den „Einführende(n) Informationen zum Volk der Samen“ recht oberflächlich gehalten sind.  Hier wäre mehr Tiefe und Hintergrundwissen zu erwarten. (Bsp.: „...ihre heutige Heimat bewohnen die Samen seit einer sehr langen Zeit und ihre Kultur ist außergewöhnlich alt.“ oder „Die Samen als Urbevölkerung Lapplands bewohnen heute das Gebiet von vier Staaten.“)Dennoch ist es interessant und aufschlussreich, die fünf samischen Frauen mit ihren naturgemäß subjektiv geprägten Erinnerungen, ihrem Wissen und ihren Bewertungen kennen zu lernen. Ihre persönlichen Schilderungen vermitteln dem Zuhörer (Leser) Informationen über individuelle Erlebnisse und Sichtweisen, Normen, Werte und Emotionen und zugleich über historische Ereignisse und Fakten, über tatsächliche Begebenheiten und Begegnungen, wie sie von eben diesen Frauen erlebt wurden. Lukas Allemann überzeugt mit seinem Ansatz, offene, lebensgeschichtliche Interviews als wertvolle historische Quelle zu begreifen. Deren Echtheit würde meiner Einschätzung nach im übrigen niemand anzweifeln, wenn auf die vollständige Wiedergabe der Interviews in russischer Sprache verzichtet worden wäre. Die Mehrzahl der Leser dürfte ohnehin nur den ins Deutsche übersetzten Wortlaut verstehen können und lesen.

Rezension von Liane Gruda

Lukas Allemann
Die Samen der Kola-Halbinsel. Über das Leben einer ethnischen Minderheit in der Sowjetunion
Reihe: Menschen und Strukturen - Band 18
Erscheinungsjahr: 2010
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien
130 Seiten
ISBN 978-3-631-61201-9

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