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Leben, Denken, Schauen. Essays

„Ich schaue und manchmal sehe ich“: Inspirierende Schriften von Siri Hustvedt

Der nun auf Deutsch erschienene Essayband der Schriftstellerin Siri Hustvedt thematisiert in 32 Essays ihre „lebenslange Neugier auf das, was es heißt, ein Mensch zu sein“. Ihr gelingt mit diesem Band eine äußerst anregende und kluge Sammlung von Schriften, die sie zwischen 2006 und 2011 verfasst hat und wofür sie verschiedene Disziplinen wie Kunsttheorie, Literatur, Psychoanalyse sowie Neurowissenschaften vereint.

Dieses Spektrum von unterschiedlichen Themen wird in drei Abschnitte gegliedert: Im ersten Teil „Leben“ geht es vor allem um persönliche Erinnerungen und Erfahrungen. Hustvedt, die 1955 in den USA geboren wurde, bezieht sich hier auch auf ihre Herkunft zwischen zwei Kulturen: Ihre Eltern, norwegische Einwanderer, zogen die Tochter zweisprachig auf. So beschreibt sie in „Gedanken über das Wort Skandinavien“ wie Norwegen zu einem „idealen Anderswo“ wird, einfach weil sie in den USA aufwächst und Norwegen zu einer reinen Vorstellung wird. Ihre Verbindung zu Norwegen spürt Hustvedt über die norwegische Sprache, deren Wortschatz und Intonation, die sie auch beim Englischen begleitet.

Im zweiten Teil „Denken“ geht es um das Schreiben und Lesen im Allgemeinen, beispielsweise setzt sich Hustvedt in „Über das Lesen“ damit auseinander wie das Lesen eigentlich funktioniert. Wie in vielen ihrer Essays wird auch hier ein persönliches Erlebnis zum Ausgangspunkt der Überlegung: „Bevor meine Tochter Lesen lernte, stellte sie mir einmal eine Frage, die zu beantworten mir schwerfiel. Sie zeigte auf eine leere Stelle zwischen zwei Wörtern des Buches, das wir lasen, und sagte: ‚Mommy, was bedeutet dieses Nichts?’

Interessant in diesem Teil „Denken“ ist auch ein Aufsatz über den schwedischen Schriftsteller Stig Dagerman und dessen Erzählung „Die Schlange“, die Hustvedt zum Anlass nimmt, um dem „Wesen der Angst“ näher zu kommen und Schriften von Sigmund Freud oder Søren Kierkegaard hinzuzieht.

Im dritten Teil befasst sich die Autorin mit dem „Schauen“ und wendet sich Werken von Künstlern wie Kiki Smith, Gerhard Richter oder Louise Bourgeois zu. Hier wirft sie die Frage auf, was es bedeutet ein Kunstwerk zu betrachten. „Ein Kunstwerk muss ein Rätsel sein. Es muss mich in die Position einer Nichtwissenden versetzen, andernfalls langweilt mich mein eigenes Verstehen“.  

Die essayistischen Schriften von Hustvedt sind so spannend und aufschlussreich, weil es ihr zum einen gelingt Erkenntnisse aus unterschiedlichen Fachrichtungen so zu formulieren, dass sich neue Inhalte auch fachfremden Lesern erschließen. Dabei hat man nie den Eindruck belehrt zu werden oder langweilige Theorien vorgesetzt zu bekommen, ganz im Gegenteil: Der leichte Ton und Erzählfluss Hustvedts lassen die Lektüre Spaß machen. Zum anderen teilt Hustvedt persönliche Erfahrungen mit dem Leser, um diese in einen übergeordneten Rahmen zu stellen. Diese fliessende Grenze zwischen Privatheit und literarischem Inhalt macht die Lektüre ebenso interessant wie bereichernd.

Karina Wolfsdorff

Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen. Essays
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Erica Fischer
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783498030223
Gebunden, 496 Seiten, 24,95 EUR

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel „Living, Thinking, Looking" bei Picador, New York.

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