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Ára
CD-Cover
Sofia Jannok auf einem Fest der Nordischen Botschaften in Berlin | (c) Foto: Liane Gruda

Simon Isak Marainen, Jahrgang 1980, ist samischer „Kulturarbeiter“ aus Vuolit Sohpar (Nedre Sopopero) im schwedischen Teil Sápmis, nicht weit von der finnischen Grenze, wo das Joiken immer lebendig geblieben ist. Er ist Sänger, Joikare, Schauspieler, Schriftsteller, Radioprogramm-Macher. Seine Mutter und seine Schwester sind Silberschmiede, sein Vater Kunsthandwerker, Dichter und Joikare. Alle Brüder sind Reneigner wie er selbst. Er zählt zu den etablierten Joikern. Mit seiner zweiten CD Àra, herausgegeben im Oktober 2010 (Eigenverlag des Studios Second home, Umeå) gelingt ihm die wunderbare Symbiose aus Tradition und lebender samischer Zukunft. Auch die Musiker, mit denen er seine erste CD produzierte, wollten mehr von sich hören lassen und Simon hat es ihnen erlaubt, in genau dem Rahmen, den seine Joiks als instrumentale Unterstützung brauchten und vertrugen. Großartiger Jazz ist daraus entstanden, samischer Blues der Sonderklasse, wobei der traditionelle Joik nicht zu kurz gekommen ist. Das führte zu widersprüchlichen Kritiken. Es gibt eben Samen, die diese Art der begleitenden Musik nicht mögen und mehr „Reinheit“ besser gefunden hätten. Doch nie entstehen Brüche zwischen menschlicher Stimme und Instrumenten, die  Musik setzt die Erinnerungsbilder des Joiks harmonisch fort.

Die Band Ára besteht aus Simon Issát Marainen, Axel Olle Sigurd Andersson, Christian Augustin, Johan Asplund und Daniel Wejdin. Die große nordschwedische Regionalzeitung Västerbottens Kuriren schrieb über ein Àra-Konzert während des Jazzfestivals in Umeå im Oktober 2010, es fühle sich an „als erlebe man eine moderne samische Postrockversion von Mozarts Reqiuem, in dem Leben und Sterben, Freude und Trauer, Liebe und Hass abgehandelt werden.“ Und als die Band Eallin leai eallu spielte, und Simon erklärte, dass der Joik von den Zwangsumsiedlungen der Samen aus dem Norden Sápmis handelt, wurden Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit im Publikum geradezu greifbar.

Das kleine Heft zur CD ist auf Nordsamisch, kein Schwedisch, kein Englisch. Simon sagt: „Wenn ich nichts Samisches produziere – was bin ich dann? Man kann sich ja nicht 'samischer Verfasser' nennen, wenn man nicht auf Samisch schreibt. Man hört und liest heutzutage viel über diejenigen, die es vermieden, Samisch zu sprechen und es ihren Kindern nicht weiter gaben, weil sie sich schämten, Samen zu sein. Doch es gab immer auch die, die stark und stolz waren auf ihre Ahnen und ihre Abstammung und die den Kampf aufgenommen haben. Denen wollen wir danken, die gegen den Strom gingen. Dank ihrer spreche ich – und viele andere – heute Samisch! “

Schön, dass sich Simon mit seinem ersten Stück in die alten Traditionen seiner Vorfahren stellt, einem sehr  traditionell, klassisch vorgertagenem Joik, à capella, ohne Musik,: „Dolozat“ (einst, vor langer Zeit), ist ein Lehrstück in Joik, mit seiner Eindringlichkeit und der für den Joik typischen rauen Stimme eines Renhirten.

Auch mit den Nummern 2, 7, und 11 führt uns Simon in Erinnerungen und Träume. In „Apmasat“ (das Unbekannte) scheinen die Instrumente die Funktion des Joiks zu übernehmen, sich dramatisch steigernd bis zu gewaltiger Dynamik, erschauernd, und die Stimme bleibt – ohne Worte – im Hintergrund. „Ruoktu“ (zu Hause) ist Simons Heimat und genau so ist es dort, am Fluss Lainio, wie ein Silberfaden in der Landschaft, in den Wäldern an der schwedisch-finnischen Grenze, der Blick aus dem Fenster seines Elternhauses; friedlich, still. „Mátki, die Reise, die der Zuhörer selbst bestimmt. Beschwingt und frei nehmen uns die Instrumente an die Hand und der Joik begleitet uns im Hintergrund, jeder mag sich auf seinen eigenen Weg machen – mit einer überraschenden Ankunft!

Die Personenjoik, Mihkkal Áilu, und Juhàn (Nr. 3 und 4), sind von den Charakteristika der gejoikten Personen getragen, persönlich, wie Personenjoik sein soll. Mihkkal, ein norwegischer Same, sanft, fast zärtlich, im deutlichen Gegensatz zu Juhàn. Ja, so ist Juhàn! Hüpfend, tänzelnd, Simons Kumpel aus Kiruna, mit dem er in Berlin war und im norddeutschen Sauwetter Kunsthandwerk verkauft und gejoikt und deutsche Bratwurst gegessen hat.

Eindringlich sind die Beispiele für die kollektiven Erinnerungen an Ereignisse (Nr. 8, 9 und 10). „Eallin leai eallu“ brachte Simon aus Västerbotten mit, von einer Familie, die einst zwangsumgesiedelt wurde, wie so viele Samen aus dem Norden Sápmis. Es ist dem Thema angemessen ein sehr traditioneller Joik, wenn auch nun mit Instrumentierung. „Miesit goiket“ kann zur Bewahrung unserer aller „kollektiven Erinnerung“ werden, denn es ist die Zerstörung der Natur durch Klimawandel und andere Umweltzerstörungen, die der Mensch betreibt. In diesem Stück übernehmen mitunter die Instrumente selbst die Berichterstatterfunktion. Mårten Hedborg ist mit seinem Saxophon als Gast dabei. Auf „Ilut ledjet“ kam Simon, als er nach einer Operation einsam im Krankenhaus lag. Er war schwer misshandelt worden, mit einem mehrfach gebrochenen Nasenbein. Ein etwas trauriger Joik, dennoch kraftvoll und voller Hoffnung, dass alles gut werden würde.

Auf der CD finden sich drei Lieder, in die Joikpassagen eingewoben sind, es sind Liebeslieder (Nr. 5, 6, 12) von zerbrochener und erfüllter Liebe. In „Visalingo“ strahlen drei samische Sterne zusammen: Sofia Jannok und Simon singen und joiken einen vertonten Text von Nils Aslak „Áillohas“ Walkeapää.  „Váimmoza“ ist das Lied vom jungen Samen, der vergeblich auf die Heimkehr seines geliebten Mädchens wartet und der am Ende ihr Grab in Haparanda findet. Eine traurige Liebesgeschichte. Sophia unterstützt hier mit Joikpassagen.

„Wozu sind die Samen zu gebrauchen? “ – fragte Simon Issát Marainen in einem seiner Joiks auf seiner Debut-CD. „Um mit ihren Renen das Silber aus den Bergen zu transportieren? Um mit dem Messer das lange Gras zu schneiden, damit die weißen Herren beim Spazierengehen keine nassen Hosenbeine bekommen? “ Mit "Ára" bekommt man Joik, Musik und kollektives samisches Erinnern an vierhundert Jahre Unterdrückung und musikalische und gejoikte Ausblicke auf eine lebende samisch Zukunft!

Ein kleiner Exkurz zum Schluss: Die auch außerhalb des Nordens unter Liebhabern von „Weltmusik“ recht bekannt gewordene Marie Boine begann 1985 mit einfacher Popmusik und samischen Texten, sogar mit Lennons „Working Class Hero“, um sich über Rock, Folk und Jazz musikalisch weiter zu entwickeln. Ihre Texte sind ganz samisch, sowohl in der Sprache als auch in den Inhalten, die Natur würdigend, die Familien und die Vorfahren ehrend, teils politisch aggressiv, sie gilt oft als kultureller „Botschafter“ der Samen. Doch sie singt. Auch die lokal sehr bekannte Yana Mangi mit ihrer flotten rockigen Band Enyojk singt, sie hat eine reelle Gesangsausbildung. Nils Aslak Valkeapääs Patensohn Niko wird von seinem Musikverleger gar in Traditionen der 1980er Jahre zu David Bowie und The Cure gestellt. Bei all den genannten erinnert nur selten der Klang ihrer Stimme ein wenig ans Joiken.

Hans-Joachim Gruda

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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